Hiltrud Jessen
Lehrerin aus Mainz
Mainz, 07.12.2008
In meiner Familie besuchten alle die 8-klassige Volksschule. Danach war es üblich, dass die Mädchen "in Stellung" gingen, d.h. bis zu ihrer Heirat als Dienstmädchen arbeiten, die Jungen gingen in die Fabrik. So war das schon in der vorigen Generation so gewesen und so ging es weiter.
Keiner wäre auf die Idee gekommen, an eine weiterführende Ausbildung auch nur zu denken, auch die Lehrer nicht. Meine Mutter stammt aus einer Bergmannsfamilie und mein anderer Großvater war Hilfsarbeiter in einem großen Werk.
Sicher hätte ich auch den gleichen Weg gehen müssen, vielleicht aber auch eine Lehre beginnen dürfen, wie meine Cousine. Das wäre schon ein großer Sprung gewesen. Doch es kam anders.
Mein Vater fiel im Krieg und nach einigen Jahren heiratete meine Mutter noch einmal. Diesem neuen Vater habe ich es zu verdanken, dass ich ein Gymnasium besuchen durfte.
Es fiel meinen Eltern sehr schwer, das Geld für Bücher, Bahnfahrten und sonstiges aufzubringen, aber ich bekam eine kleine "Rente" als Kriegswaise und das half schon ein wenig weiter.
Ich machte das Abitur, als erste in unserer ganzen Familie.
Leider konnte ich aus finanziellen Gründen nicht Medizin studieren, so wie ich es mir wünschte. Ich musste ein kurzes Studium wählen und wurde Lehrerin.
Ich habe diese Wahl nicht bereut und blicke auf eine befriedigende berufliche Tätigkeit zurück.
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