Das war schon immer so: Fehlende theoretische Kenntnisse konnte ich durch reichlich Fleißarbeit ausgleichen

Hilmar von Netz

Teilnehmer eines berufsbegleitenden IHK-Kurses

Hamburg, 15.01.2009

Foto: Hilmar von NetzIch habe bereits um das Abitur einen Bogen gemacht, da es für meinen Ausbildungswunsch zum Hotelkaufmann nicht Voraussetzung war. Gelandet bin ich dann im Rechnungswesen. Nun arbeite ich bereits im neunten Jahr in einer Werbeagentur, die mir alle denkbaren Praxis-Möglichkeiten auf diesem Gebiet geboten hat. Mit wachsender Verantwortung merkte ich jedoch vor etwa vier Jahren, dass ich - und sogar meine Vorgesetzten - zu oft auf externe Hilfe von Fachleuten wie Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern und Rechtsanwälten angewiesen war. Die hohen Kosten und die einseitige Kommunikation ärgerten mich. Schließlich musste ich ihnen stets glauben, da mir selbst die Theorie fehlte.

Zusätzlich stellte ich mir die Frage, ob ich einzig mit meiner kaufmännischen Lehre und der anschließenden Praxiserfahrung langfristig auf dem Arbeitsmarkt eine Chance habe. Bei Überlegungen zu Rationalisierungsmaßnahmen kamen stets die Kollegen ins Gespräch, die im Alter von 40 Jahren zu teuer und zu unqualifiziert waren. Ich habe mir vorgenommen, nie auf einer solchen Liste zu landen, nicht zu denen zu gehören, deren Namen immer wieder hinterfragt werden. Deshalb habe ich mich mit den berufsbegleitenden Fortbildungsmöglichkeiten der Industrie- und Handelskammer beschäftigt. "Zum Üben" besuchte ich zunächst einen zwei Monate dauernden Abendkurs zur Jahresabschlusserstellung. Besonders gefallen haben mir die Praxisnähe des Dozenten und die überschaubare Teilnehmerzahl. Individueller Unterricht war da möglich.

Noch während des Kurses habe ich mich für einen weiteren angemeldet, der jedoch fast zwei Jahre dauert und mit dem "gepr. Controller IHK" abschließt. Meine Frau steht hinter mir, war jedoch genau wie ich skeptisch. Diszipliniertes Lesen und Lernen gehörte nie zu meinen Stärken. Mir fehlte es auch immer an der Vorstellungskraft, Theorie in Praxisbeispiele umzuwandeln. Der Rahmenstoffplan des Controllers war schon vor Beginn des Kurses beeindruckend und ist es bis heute geblieben. Angenehm war jedoch, dass es allen anderen Teilnehmern genauso erging wie mir und jeder seine Ängste hatte. Aber auch hier helfen Dozenten, die im Wirtschaftsleben stehen und den Unterrichtsstoff sehr praxisbezogen vermitteln können. Obwohl die Prüfung in diesem Frühjahr noch vor mir liegt, kann ich heute schon sagen, dass sich diese Entscheidung für mich sehr gelohnt hat, da ich theoretisches Wissen vom Abend bereits am nächsten Tag bei der Arbeit anwenden kann. Eine Möglichkeit, die kein Vollzeit-Student hat. Und auch im Umgang mit Kollegen und meinen Aufgaben habe ich deutlich mehr Sicherheit in meinen Entscheidungen und Handlungen bekommen.

In diesem Jahr haben meine Frau und ich noch ein zweites Kind bekommen und einen erforderlichen Umzug bewältigt. Trotzdem ist es uns gemeinsam gelungen, mir den notwendigen Freiraum für den Unterricht und das Lernen zu schaffen. Wir sehen die Weiterbildungsmaßnahme als "Berufsfähigkeits-Versicherung", die uns Vieren einen langfristige Sicherheit bietet. Im Museum war ich immer noch nicht. Vermutlich werde ich nach der Prüfung auch erstmal auf den Fußballplatz gehen und mich darüber freuen, an mich geglaubt zu haben.

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Aus dem Buch der Bildungsrepublik