Rita Lefering
Lehrerin aus Werne
Werne, 05.01.2009
Heute bin ich 40 Jahre alt und Lehrerin. Ich darf Kindern vermitteln, dass man durch Bildung Ziele erreichen kann, von denen man als Kind nur geträumt hat!
Aufgewachsen bin ich als ältestes von fünf Kindern in einer Arbeiterfamilie in einem kleinen Dorf im Münsterland. Meine Eltern besuchten die Volksschule und kannten das Gymnasium nur "aus dem Fernsehen", bis meine Grundschullehrerin sie am Ende meiner Grundschulzeit davon überzeugte, dass ich das Gymnasium besuchen müsse.
Trotz arger Bedenken meiner Eltern ("Wir können dir nicht helfen, wenn es Probleme auf dem Gymnasium gibt!") durfte ich ab dem Sommer 1979 mit dem Bus in die nächste Stadt zu einem reinen Mädchengymnasium fahren. Durch eine tolle Zusammenarbeit mit meinen Mitschülerinnen und stetige Unterstützung der meisten meiner Lehrerinnen und Lehrer schaffte ich schließlich zum Stolz meiner Eltern als erstes Kind der Familie und dem näheren Verwandtenkreis das Abitur! Mein Vater begleitete mich zum ersten Mal in "mein" Gymnasium, als die feierliche Überreichung der Abizeugnisse anstand. Vorher hat er sich nicht getraut, diese ihm völlig fremde Welt zu betreten.
Trotz Abitur in der Tasche konnte sich mein Vater nicht vorstellen, dass mein Bildungshunger noch nicht gestillt war. Ich wollte auf jeden Fall Lehrerin werden, denn die Schule und die Lehrer hatten mein bisheriges Leben so positiv geprägt, dass ich mir keinen besseren Ort für meine berufliche Zukunft vorstellen konnte. Aber mein Vater, der sich mittlerweile ebenfalls durch persönlichen Ehrgeiz mit einem KFZ-Betrieb selbständig gemacht hatte, konnte sich mit dem Gedanken, ein Studium für seine Tochter zu ermöglichen, nicht wirklich anfreunden. So legte er mir nahe, mich doch bei Banken und Behörden um einen "sicheren" Job inklusive lukrativer Bezahlung zu bewerben. Ihm zuliebe tat ich es, kam auch wenig motiviert in einige Endrunden der Auswahlgespräche und bekam nur Absagen! Für meinen Vater ein Fluch - für mich ein Segen, denn was blieb ihm anderes übrig als meinen Studienplänen nun endgültig zuzustimmen!
Da ich meinem Vater möglichst wenig "auf der Tasche" liegen wollte, arbeitete ich während meines Studiums ständig nebenbei in einer Bäckerei oder einer Kneipe und in den Semesterferien als Hilfsarbeiterin bei archäologischen Ausgrabungen. Nach fünf Semestern hatte ich mein Erstes Staatsexamen bestanden. Nach der anschließenden zweijährigen Lehramtsanwärterzeit hatte ich mein Ziel erreicht: Ich war Lehrerin geworden und mein Vater platzte fast vor Stolz! Als meine Grundschullehrerin meine Mutter beim Einkaufen im Dorfsupermarkt fragte, was denn aus mir geworden sei und meine Mutter von meinem Werdegang berichtete, antwortete meine alte Klassenlehrerin, dass ich ihr bereits in der Grundschule gesagt hätte, dass ich Lehrerin werden möchte und sie schon damals gewusst hätte, dass ich das schaffen werde! Dafür bin ich ihr noch heute dankbar! Das prägt mein eigenes Lehrerdasein und ich habe schon einige Schüler durch meine Geschichte motivieren können, sich ebenfalls als erstes Kind der Familie auf den Weg zum Abitur zu machen!
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