Bücher, Bildung und Beruf - zum Glück lernt man nie aus!

Nina Zastrow

Bildungsmanagerin der Bildungsregion Göttingen beim Regionalverband Südniedersachsen

Göttingen, 15.01.2009

Foto: Nina ZastrowAls eine von drei Töchtern eines Buchhändlers und Enkelin zweier Lehrer, die nach ihrer Pensionierung die städtische Bücherei leiteten, hat mich Bildung begleitet, seit ich denken kann. Kein Abend ohne die obligatorische Gute-Nacht-Geschichte, als Grundschülerin bereits Autorin denkwürdiger Gedichte auf grobfaserigem Schmierpapier auf dem Küchensofa meiner Großmutter ("meine Oma, die trägt Jeans und hört gerne Evergreens2). Da Bewohnerin einer hessischen Kleinstadt ohne Gymnasium, bestieg ich ab der fünften Klasse täglich zweimal den Schulbus, um mich in den nächsten neun Jahren mit so wunderbaren Geschichten wie serpens in horto und dem Ablativ herumzuschlagen, Kurvendiskussionen kennen- aber nicht lieben zu lernen und schließlich mein Abitur zu machen.

Trotz eines Betriebspraktikums in einem Laden für Kunsthandwerk, in dem ich drei Wochen lang Marienkäfer aus Ton anmalte, wusste ich nach meinem Schulabschluss nicht so recht, was ich werden wollte. Daher startete ich erstmal ein Magisterstudium in den Fächern Psychologie, Religion und Germanistik, um wegen der täglich von den Mentoren prophezeiten schlechten Berufsaussichten und dem begrenzten Talent fürs Althochdeutsche schon im nächsten Semester ein Studium der Sozialpädagogik zu beginnen. In diesem sehr breit angelegten Studiengang, der für alles und nichts zu qualifizieren schien, konnte ich meinen Wunsch verwirklichen, später einmal einer kreativen, abwechslungsreichen Arbeit nachzugehen, in der ich viel mit Menschen zu tun haben würde. Größtmögliche Kurzweiligkeit mit einem angenehmen Maß an Routine, Gestaltungs- und Kooperationsspielräume und die Arbeit im Team sind Aspekte, die mir für meine beruflichen Aufgaben bis heute wichtig sind.

Froh, mich nicht für den Beruf der Lehrerin entschieden zu haben, suchte ich nach meinem Anerkennungsjahr in einem Schulkindergarten schnell das Weite und befasste mich in den nächsten Jahren mit dem Thema Bildung aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln - als sozialpädagogische Betreuerin für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz, Projektmitarbeiterin im Bereich Frauenförderung und Berufswahlorientierung für Mädchen und später dann in der Erwachsenenbildung sowie als Projektleiterin im Bereich Übergang von der Schule in den Beruf.
Nun hat es mich vor ein paar Monaten erstmals nach Niedersachsen verschlagen - wieder der Bildung wegen: Seit Oktober 2008 bin ich als Bildungsmanagerin dafür zuständig, das Thema Bildung als Bestandteil einer erfolgreichen gemeinsamen Regionalentwicklung zu fördern und Strategien und Konzepte für die praktische Umsetzung in der aus drei Landkreisen und einer Stadt bestehenden Bildungsregion Göttingen zu entwickeln und umzusetzen.

Doch warum Niedersachsen? Anfang August 2008 wurde hier der Prozess "Bildungsregion Göttingen" gestartet - für die Landkreise Osterode am Harz, Northeim und Göttingen mit der Stadt Göttingen als Oberzentrum. Zu den Kerngedanken der "Bildungsregion Göttingen" zählt der Anspruch, soziale Unterschiede in der Gesellschaft durch die Förderung von Bildung zu reduzieren. Denn nur ausreichend ausgebildete und in ihren sozialen und kommunikativen Kompetenzen unterstützte Personen können sich auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft behaupten. Träger der "Bildungsregion Göttingen" ist der Regionalverband Südniedersachsen e. V. - wir greifen zentrale Defizite der Region auf und entwickeln dafür Problemlösungsansätze. Hier einige Beispiele unserer Arbeit:

  • Zu viele Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss oder sind nicht ausbildungsfähig: Angesichts des demographischen Wandels wird künftig eine sinkende Zahl Erwerbstätiger für Wertschöpfung in Wirtschaft und Gesellschaft zu sorgen haben. Unter volkswirtschaftlichen und sozialen Aspekten muss deshalb die Quote der jungen Leute, die die Schule ohne Abschluss verlassen, deutlich gesenkt werden.
  • An den Schulen wird nur unzureichend Wirtschafts- und Berufsorientierung vermittelt: Viele Schülerinnen und Schüler befassen sich während ihrer Schullaufbahn - wenn überhaupt - erst viel zu spät mit der Arbeits- und Berufswelt. Das Projekt "Bildungsregion Göttingen" will dazu beitragen, dass Vertreter der Wirtschaft schon ab Klassenstufe 6 in der Schule über "die Wirtschaft" berichten. Damit soll der Unterricht insgesamt bereichert werden. Andererseits sollen Kinder schon frühzeitig durch Praktika und Betriebsbesuche erste Einblicke in den Berufsalltag erhalten.
  • Die Zusammenarbeit zwischen Beratungseinrichtungen und die Übergänge zwischen den Bildungseinrichtungen funktionieren nicht ausreichend. Gleichzeitig bestehen zwischen Elternhaus, frühkindlicher Betreuung und Grundschulen Kooperations- und Kommunikationsdefizite: Die Kooperationen von Bildungsinstitutionen und -bereichen werden schrittweise verbessert. In das Konzept werden Träger schulischer und außerschulischer Jugend- und Bildungsarbeit eingebunden.

Viele Kommunen nutzen ihre Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Qualität von Bildung bislang erst in Ansätzen. Mit der "Bildungsregion Göttingen2 möchten wir dieses Bewusstsein der Kommunen stärken und zusätzlich auch die Bereitschaft und Kompetenz von Eltern fördern, ihre Aufgaben in der Erziehung der Kinder ausreichend wahrzunehmen. Im Rahmen der "Bildungsregion Göttingen" werden das einzelne Kind und der einzelne Jugendliche konsequent in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt - und bildungssektorübergreifend stärken wir die Qualität von Kindergarten, Schule und Hochschule in der Region. Über die Bildungsstufen hinweg werden bei der Umsetzung des Prozesses "Bildungsregion Göttingen" die Zuständigkeiten von Bund, Land, Kommunen, Sozialpartnern oder Unternehmen beachtet. Darüber hinaus reichende Ansätze zur Verbesserung von Kooperation, Kommunikation und Koordination erfolgen auf freiwilliger Basis. Abgestimmt wurde das Vorgehen eng mit der Bildungsgenossenschaft (BIGS) Südniedersachsen, der Bürgerstiftung Göttingen und dem Verein "Impuls - Schule und Wirtschaft". Finanziell und fachlich wird es unterstützt von der Niedersächsischen Landesregierung. Ausgangspunkt war eine Initiative, die die Landtagsabgeordneten Dr. Gabriele Andretta (SPD), Dr. Harald Noack (CDU) und Stefan Wenzel (Bündnis 90/Die Grünen) bereits im Jahr 2006 Wahlkreis- und Partei übergreifend gestartet hatten. Gemeinsame Erkenntnis der beteiligten Personen und Institutionen: Die Zukunftsfähigkeit der Region hängt vom Verlauf der Bildungsbiographien der Kinder und Jugendlichen ab.
Ich empfinde meine neue Tätigkeit als spannend. Hier ist kein Tag wie der andere und - was mir ganz wichtig ist - ich lerne immer wieder Neues dazu, und komme mit vielen Leuten zusammen, die wie ich etwas gestalten wollen und nie aufhören, neugierig zu sein und Fragen zu stellen.

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik