Jetzt erst recht ...! Oder wie ich vom Loser zum Lehrer wurde

Wolfgang Annel

Lehrer an der Werkstattschule in Bremerhaven

Bremerhaven, 08.12.2008

Foto: Wolfgang AnnelDie Erinnerungen an meine Grundschulzeit sind geprägt vom Wechsel zwischen Freud und Leid.
Wenn ich bei den Hausaufgaben nicht weiterkam, brachte mir meine Mutter bei, dass man alles so schreibt, wie man es spricht. Dies verbesserte - wie sich bald herausstellen sollte - meine damaligen Lese- und Rechtschreibdefizite nicht nachhaltig. Es folgte die wohl mit Abstand peinlichste Deutschstunde meines Lebens. Unsere einfühlsame Klassenlehrerin (ausnahmsweise mal nicht schwanger oder krank) forderte mich auf, das Wort "Kakao" an die Tafel zu schreiben. Ich, nicht faul, aber vor Publikum leicht zu verunsichern, kam ihrer Aufforderung zunächst erfolgreich nach. Bevor ich allerdings zurück auf meinen Platz gehen konnte, sollte ich das besagte Wort noch einmal laut vorlesen. Was unter normalen Umständen ein Leichtes gewesen wäre, wurde plötzlich schier unaussprechlich: Statt das ao als au zu sprechen, sagte ich K a k a o. Das Hohngelächter der Klasse verunsicherte mich so sehr, dass alle synaptischen Andockvorgänge schlagartig unterbrochen wurden. Knallrot und schweißgebadet, bekam ich eine zweite Chance. Aber auch die gereichte mir nicht dazu, meinen Fehler zu erkennen. Die Lehrerin hätte sehen müssen, dass mir die Tränen kamen und ich mich am liebsten an das Ende unserer Milchstrasse gewünscht hätte. Sie aber dachte, ich würde sie und alle Beteiligten "verkakaoeiern" und wurde böse statt hilfsbereit. Ich glaube, dass mich die Pausenklingel erlöste; was aber die Nachhaltigkeit des Erlebten nur bedingt lindern konnte. Heute weiß ich, dass ich damals schon ein recht kreatives Kerlchen war, denn ich habe sie alle zum Lachen gebracht und die Rechtschreibhilfe meiner Mutter einfach widerlegt: Man spricht es so, wie man es schreibt - oder?

Später stellte sich heraus, dass meine wahren Stärken in anderen Bereichen lagen. Vielleicht bin ich deshalb kein Deutschlehrer geworden. Meinem schlechten Hauptschulabschluss (durch die Kurzschuljahre schon mit vierzehn Jahren) folgte eine Lehre als Heizungsbauer. Zwei eher erfolgsarme Jahre. Dann ein Lehrerwechsel, der mich prägte, weil der Neue uns ernst nahm.
Nach insgesamt elf Jahren auf dem Bau, am Ende mit Meisterschule und Prüfung, kam mein Kick: Nach der Scheidung kam ich eher zufällig in einen anderen Freundeskreis, wo viele studierten, andere Ideen vom Leben hatten und mir das Studium offenbar zutrauten. Dazu musste ich aber erst einmal auf dem zweiten Bildungsweg mein Fachabitur machen - das hieß: vom Meisterlohn zum Schüler-BAföG. Das nahm ich in Kauf, weil ich mir nicht mehr vorstellen konnte, mein ganzes Leben auf dem Bau zu verbringen - ich musste mich geistig ernähren. Das Studium war bereichernd und ich bekam - nach einem langen Leben als Matheniete - richtig Lust auf Mathematik. Am Ende fragte ich mich allerdings: Was kann ich eigentlich wirklich? Von vielem etwas oder etwas mehr, aber...? Immerhin war ich jetzt Diplom-Ingenieur. Inzwischen halte ich genau das für meine Qualität: von vielen Dingen etwas zu verstehen, kein Fachidiot zu sein.

Warum bin ich jetzt Lehrer??? Ein Referendar auf der Fachoberschule (also vor dem Studium) übertrug mir regelmäßig die Tafelerklärungen in Mathematik. Das war ein Erfolgserlebnis, Mathe plötzlich nicht nur zu können, sondern sogar erklären zu können. Das war entscheidend für die Richtung, die ich einschlug. Ein Bekannter, auch Ingenieur, hatte einen Leitungsjob in der Erwachsenenbildung und dort stieg ich in den Mathematikunterricht ein: das erste Geld durch Lehrtätigkeit! Die Bremer Ausbildung zum Berufsschullehrer, finanziert durch Honorarverträge bei Bildungsträgern, die nur Fachabiturienten offenstand, folgte im zarten Alter von 45 Jahren. Bei einem Bildungsträger arbeitete ich dann auch anschließend mit Schulverweigerern.
Vor neun Jahren gelangte ich dann tatsächlich in den "echten Schuldienst" - als Berufsschullehrer in der Metallwerkstatt arbeite ich jetzt mit Schulvermeidern...

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik