Ein Schrecken mit Ende

Gerd Liersch

Lehrer und Projektleiter der Werkstattschule in Bremerhaven

Bremerhaven, 08.12.2008

Foto: Gerd LierschIch wollte nicht zur Schule gehen. Lehrer sollten sich nicht in mein Leben einmischen, Spaß in Verbindung mit Schule durfte nicht sein. Es war nicht besonders schwer, diese Einstellung durchzuhalten, weil Lehrer häufig noch Angst und Schrecken verbreitet haben. Ohne selber betroffen gewesen zu sein - ich war ein guter Schüler, ruhig, zurückhaltend und schüchtern - haben die Ungerechtigkeiten und körperlichen Übergriffe gegen meine Klassenkameraden mir geholfen, den Lehrer als natürlichen Feind zu sehen. Der Rest der 13-jährigen Schulzeit war nach dem Wechsel auf das Gymnasium gekennzeichnet davon, dem Feind keine Blöße zu zeigen (= sich nicht ohne Hausaufgaben erwischen zu lassen), die Auseinandersetzung nicht zu verlieren (= nicht sitzen zu bleiben) und Verschwendung von Lebenszeit für Schule zu vermeiden (= Minimierung der Zeit für Hausaufgaben).

Nach 13 Jahren mit taktischen und strategischen Vorteilen auf meiner Seite, ereilte mich eine erste schmerzhafte Niederlage: Die Vornoten zum Abitur waren so schlecht, dass es nur zu einem glatten 4,0 Abitur reichte.
Der Kampf mit dem Schulsystem hatte verhindert, dass ich einen Berufswunsch entwickeln konnte. Die Bundeswehr verhalf mir zu zwei weiteren Jahren Bedenkzeit. Mein Bruder, der gerade sein Handelslehrerstudium beendet hatte, überredete mich, "Betriebswirtschaft" zu studieren.
Mit den eigenen Erfahrungen im Rücken ähnelte meine Traumschule der Universität: Lehrer bietet Wissen an, Schüler lernt oder lässt es. Die Berufsschule, an der ich über 20 Jahre die meistens volljährigen Schüler unterrichtete, ließ diese Einstellung zu.

Zufällig - weil ein Kollege ausfiel - wurde aus einer zeitlich begrenzten Beratertätigkeit (Finanzen, Abrechnung von EU-Fördermitteln) die dauerhafte Übernahme einer im Aufbau befindlichen Schule. Das erste Mal in meiner beruflichen Laufbahn musste ich Verantwortung übernehmen: Das Gebäude musste fertig gebaut werden, es sollte ein Kollegium von Handwerkern, Sozialpädagogen und Lehrern aufgebaut und mit ihnen ein Konzept zur Beschulung von schwierigen benachteiligten Jugendlichen entwickelt werden.
Beim Arbeiten auf die Uhr zu sehen, ist jetzt unnötig, Ferien können auch zu lang sein, Kollegen kann man tatsächlich vermissen, Pädagogik ist mehr als Schule und Nähe zu Schülerinnen und Schülern ist unverzichtbar, um Erfolg zu haben.
Kann es sein, dass Schule Spaß macht? Ja!

Vier Jahre vor der Pensionierung habe ich Frieden mit dem System Schule geschlossen.

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Aus dem Buch der Bildungsrepublik