Wie ich zu einer stark ausgeprägten Bildungskonsumentin wurde

Esma Demiroglu-Manavbasi

aus Braunschweig

Braunschweig, 21.01.2009

Foto: Esma Demiroglu-ManavbasiMeine Biographie beginnt Mitte der 70er Jahre.
Ich wuchs in einer Kleinstadt im Norden der Republik mit meinen Brüdern auf. Unsere Eltern stammen aus der Türkei. Mein Vater zählt zu den ersten Gastarbeitern, die Deutschland Ende der 60er Jahre anfragte. Wir Kinder wurden in Deutschland, in Salzgitter, geboren. Ich ging nicht in den Kindergarten. Mit knapp sechs Jahren wurde ich bereits eingeschult. Als kleines Mädchen war ich damals schon ein fröhliches und optimistisches Individuum mit ausgeprägtem Selbstvertrauen und einem hohen Maß an Eigeninitiative. Hinzu kamen Eigenschaften wie Neugier, Herzlichkeit und Offenheit. Meine Eltern legten sehr viel Wert auf Selbständigkeit, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Offenheit, Stil und Etikette. Strukturiertheit und auch eine sinnvolle Freizeitgestaltung standen im Mittelpunkt. Mein Wochenplan war nicht voll mit Terminen und Kursen, es wurde viel mit anderen Kindern in der Natur gespielt, geklettert und getobt.
In meiner Freizeit besuchte ich Museen, Bibliotheken und Ausstellungen. Mein Vater nannte diese Orte "die Paläste des Wissens". Nach dem Motto "Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen" (Johann Wolfgang von Goethe) nahmen meine Eltern uns Kinder in verschiedene Städte im In- und Ausland mit. Schon als Kind faszinierten mich die vielen Geschichten und Erzählungen meines Onkels und meines Opas. Mein Opa sagte immer wieder am Schluss der Geschichten: "Vergesst nicht, kein Mensch kann sich seine Familie und Herkunft aussuchen. Lasst euch bloß nicht auf solche Gespräche ein. Nur die Vernunft zählt bei einem Menschen."
Ich entdeckte jeden Tag die faszinierende Welt des Lebens. Ich durchlöcherte jeden mit meinen vielen Fragen. Ich erwartete von meinem Gegenüber immer wieder eine differenzierte und nachvollziehbare Antwort. Schließlich hatte ich es ja so gelernt in meinem Elternhaus. So war das auch in der Schule. Ich stellte meine vielen Fragen an meine Mitschüler und Lehrer. Die Jahre vergingen sehr schnell und ich befand mich in der achten Klasse.
In der achten Klasse bekamen wir die Hausaufgabe, eine Mappe mit all den Sehenswürdigkeiten der Stadt Berlin anzufertigen. Mit voller Leidenschaft legte ich die Mappe in der Stadtbibliothek in Salzgitter an. Ich zeichnete die Sehenswürdigkeiten per Hand ein und ergänzte diese mit meiner eigenen Kreativität.
Sauber, gut strukturiert und mit eigenen Zeichnungen faszinierte die Mappe meinen Klassenlehrer, Herrn Goldmann. Meine "Berlinmappe" wurde den anderen Schülern und den Lehrern präsentiert. Herr Goldmann sprach auch öfter über seine Erlebnisse als Lehrer in Berlin. Und vor allem erzählte er auch von den türkischen Berlinern. Er erzählte nie von negativen Erfahrungen und sagte uns Schülern, dass wir die Dinge nie eindimensional betrachten sollen. Auch im Elternhaus bekam ich Ähnliches zu hören.

So entwickelte ich persönlich eine breitgefächerte Sichtweise zu den Themen, was ich heute als "Panoramablick" bezeichne. In dieser Zeit entdeckte ich Fachtagungen, Kongresse, Seminare und Kurse zu verschiedenen Themen. Mit großer Begeisterung nahm ich an einigen teil. Hier begegnete ich vielen verschiedenen Menschen mit vielen verschiedenen Sichtweisen. Meine Neugierde und mein "Wissensdurst" konnten nicht gestillt werden. So entschloss ich mich, Abitur zu machen und zu studieren. Zwischendurch absolvierte ich noch eine Lehre.
Chemie, Architektur, Kunst, Soziologie, Politik, Jura, aber auch Psychologie kamen in Frage. Zum Schluss entschied ich mich für die Sozialarbeitswissenschaften. Ich bewarb mich an der Fachhochschule in Braunschweig/Wolfenbüttel.
Als neugierige und wissensdurstige Studentin besuchte ich mehr Seminare und Exkursionen, als in der Studienordnung vorgeschrieben waren. Auch in der Hochschule begegnete ich Menschen, die mich unterstützten und individuell förderten.
Später kamen noch die Mitarbeiter des Jugendamtes in Salzgitter und die des Büros für Migrationsfragen in Braunschweig hinzu, wo ich meine Praktika während des Studiums absolvierte. Hier lernte ich mein "Handwerkszeug" für den Beruf.
Ich arbeitete bereits in unterschiedlichen Projekten und Veranstaltungen mit und entwickelte mich zu einer leidenschaftlichen Bildungskonsumentin. Weiterentwicklung, Fortschritt und Wachstum gehörten zu meinem Alltag.
Aber in einem Praktikum machte ich auch unschöne Erfahrungen und bekam sogar große Probleme, die ich nicht zufriedenstellend lösen konnte. Das Verhalten und der Arbeitsstil meiner damaligen Arbeitskollegen entsprachen nicht meinen Vorstellungen: Schlechte Atmosphäre, Lügen und Intrigen. Hier wollte ich nicht mitziehen und Kollegen gegen Kollegen ausspielen. Für mich war dieses Verhalten menschenunwürdig, niveaulos und kleinkariert. Ich fühlte mich gar nicht wohl in der Einrichtung und sehr einsam. Mir fehlte das "Echte", das "Authentische" und die lustigen, fröhlichen Menschen.
Diese Erfahrung war auch eine gewisse Krise in meinem Berufsleben. Dank der vielen lieben Menschen in meiner Umgebung und meiner Professoren, konnte ich dies Stück für Stück verarbeiten.
Ich glaube, in der Zwischenzeit bin ich einigermaßen erwachsen geworden. Menschenrechte, Freiheit, Bildung und Chancengleichheit sind inzwischen nicht wegzudenken aus meinem Alltag.
Meine persönliche Bildungsgeschichte ist noch nicht abgeschlossen. Ich werde sie mit einer Promotion fortsetzen, um später ein "Drei Länder Forschungsprojekt" durchzuführen.

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik