Du solltest es einfach probieren!

Prof. Dr. rer. nat. habil. Ursula van Rienen

Universität Rostock, Theoretische Elektrotechnik

Rostock, 15.01.2009

Meine Generation ist wohl die erste, in welcher der Aufstieg durch Bildung durch bessere Rahmenbedingungen, wie etwa kürzere Wege zu einem Gymnasium in Wohnortnähe oder BAföG, leichter möglich wurde. Wir waren drei Töchter zu Hause. Für meine Eltern, die beide zu ihrem Bedauern nur den Volksschulabschluss haben, war es selbstverständlich, uns nicht nur das Abitur, sondern auch ein Studium zu ermöglichen. Dabei würde ich mich selbst als Spätentwicklerin bezeichnen: ich war sehr verträumt und brachte auch nur in wenigen Fächern (Mathematik, Physik und Kunst) gute Noten nach Hause. Dennoch konnte ich stets ein großes Vertrauen meiner Eltern in mich spüren. Zum Glück hörten sie nicht im Geringsten auf meinen Latein- und Klassenlehrer, der zum Abgang nach der mittleren Reife riet, da ich doch so praktisch veranlagt sei - das war der Witz des Tages, als meine Mutter davon berichtete.

Eine ganz wichtige Person für meinen weiteren Werdegang war meine Mathematiklehrerin. Sie war eine sehr gute Pädagogin und Menschenkennerin. Sie erkannte mein Potential, sah aber zugleich meine damals recht große Faulheit. Sie brachte mich geschickt dazu, konstant für das Fach zu arbeiten. Auch menschlich war sie ein großes Vorbild für viele von uns: jung verwitwet mit sechs Kindern strahlte sie so viel Energie und Lebensfreude aus und machte einen hervorragenden Unterricht, indem sie sich um alle bemühte. Um mich für das Studium der Mathematik zu entscheiden, brauchte es aber noch lange Gespräche. Insbesondere mit einem guten Freund, der mich ermutigte, denn ich hatte große Bedenken, ob ich es schaffen könnte, wo man doch immer von so vielen Abbrechern hörte. Wichtig war sein Argument: Du hast doch immer so viel Interesse und Spaß an der Mathematik gehabt, du solltest es einfach probieren!

Das Studium erschien mir zunächst sehr schwer, dadurch dass ich nur ein neusprachliches Gymnasium besucht und mich erst nach Semesterbeginn dazu durchgerungen hatte. Aber vom ersten Tag an war von Faulheit nichts mehr zu spüren: Mit Begeisterung arbeitete ich bis spät in die Nacht. Das Interesse und die Freude am Fach zeigten dann auch mehr und mehr Erfolg. Bei den Arbeiten an der Diplomarbeit entstand der Wunsch, auch zu promovieren - und zwar am liebsten in einem physikalischen Forschungslabor, dort wollte ich meine Kenntnisse der angewandten Mathematik gerne einbringen.

So ging ich von Bonn nach Hamburg. Die Arbeit bei DESY war hochinteressant. Schön war auch die große Internationalität. In die Zeit der Promotion fielen auch die Familiengründung und die Geburt meines Sohnes. Kurz nach der Promotion kam meine Tochter. In dieser Zeit und auch später war die Unterstützung meines Mannes von großer Bedeutung: Er ermutigte mich, wenn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schwierig schien. Mir und den Kindern zuliebe verzichtete er selbst auf die eine oder andere berufliche Chance.

In anderen Momenten folgte ich ihm des Berufes wegen: So kam ich an die TU Darmstadt, nachdem mein Mann nach Mannheim versetzt wurde. Der Zufall wollte es, dass mein Doktorvater dort nun eine Professur hatte. Er ermöglichte mir einen flexiblen Einstieg, denn die Kinderbetreuung erwies sich auf dem Lande, wo wir etwas zum Wohnen gefunden hatten, doch als deutlich schwieriger als in der Millionenstadt Hamburg. An der Universität merkte ich, dass mir neben der Forschung die Arbeit mit den Studierenden viel Spaß machte. So entschloss ich mich zur Habilitation und folgte schließlich einem Ruf an die Universität Rostock. 

Über die Mathematik und Physik kam ich also in die Elektrotechnik. In unserer Fakultät sind wir ungewöhnlich viele Professorinnen, aber leider ist die Zahl der Studentinnen doch nach wie vor gering. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass mehr junge Leute und insbesondere mehr Mädchen entdecken, welche spannenden Dinge alle zur Technik gehören. Und dass man mit ihr viele Bereiche des täglichen Lebens, auch in der Medizin, gestalten kann.

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Aus dem Buch der Bildungsrepublik