Cherno Jobatey
TV-Moderator und Journalist
Berlin, 21.01.2009
Geboren und aufgewachsen im Berlin der Charlottenburger Hinterhöfe, wo man zwei Mülltonnen zusammenschob, um ein Tor zum Fußballspielen zu haben. Eine fünfköpfige Familie ohne Vater in zweieinhalb Zimmern. Sozialhilfe war in seiner Kindheit kein Fremdwort. Ausreichend Taschengeld gab es nur, wenn man sich selber darum kümmerte: Fahrräder reparieren, Schuhe verkaufen, Blumen und Zeitungen austragen, Kellnerjobs. Aber zur Schule ging er immer gern, obwohl er damals meinte, nie wirklich gut gewesen zu sein.
Das mag sicherlich damit zusammenhängen, dass Cherno Jobatey seine Kindheit auch mit einem hartnäckigen Kampf gegen seine Legasthenie verbrachte. "Aber irgendwie mochte ich die Atmosphäre des Lernens. Nur Lesen und Schreiben waren einfach nicht mein Ding." Die Noten waren entsprechend. Damals war man noch nicht soweit, über Legasthenie zu sprechen. Seine Großmutter übte täglich mit ihm, erinnert sich Cherno Jobatey, und "ich musste Tante Ada wöchentlich Postkarten schreiben und meiner Mutter ständig etwas aus der Zeitung vorlesen, weil sie angeblich ihre Brille nicht fand." Das Motto seiner frühen Jugend lautete: "Gib niemals auf!" Diesen Spruch des alten Churchill bimste ihm seine Mutter in den Schädel. Aber in der Schule half das wenig. Die Lehrer in dem Berliner Kleine-Leute-Kiez konnten mit dem einzigen schwarzen Kind weit und breit nichts anfangen.
Mutter Jobatey wurde nahegelegt, dass der kleine Cherno nach der Grundschule - besser eigentlich schon vorher - auf eine Sonderschule solle. Da wäre er dann doch besser aufgehoben. Aber weil die Lehrer nett sein wollten, empfahlen sie ihn für die Hauptschule - mit schweren Bedenken. Mutter Jobatey, eine gelernte Klavierlehrerin mit ausgeprägtem westpreußischem Dickschädel, hatte da etwas andere Vorstellungen. Sie nahm Cherno sofort von der Schule, sagte ihm nur, dass diese Lehrer nichts verstünden und meldete ihn in einer Schule vier U-Bahn-Stationen entfernt im gutbürgerlichen Neu-Westend an.
"Während all die früheren Fußballkumpel nun schickes Englisch lernten, musste ich auf einmal Latein büffeln. Täglich musste ich nun meiner Mutter vorlesen, mittlerweile nicht mehr aus der 'Bild', sondern der 'Süddeutschen'. Täglich musste ich auch Tante Ada schreiben", erinnert sich Jobatey.
Der Übergang aufs Gymnasium klappte reibungslos, die Lehrer hatten Verständnis und Chernos Inhalte überboten immer die eher mäßige Orthografie. Zu dieser Zeit begann er auch mit dem Gitarre spielen, nachdem er Trompete nicht mehr mochte, weil man "bei diesem Instrument ja nicht sprechen kann!", so der TV-Moderator heute. Mutter Jobatey bestand jedoch darauf, dass Cherno irgendein Instrument spielen müsse, egal welches.
Alles wäre so schön gewesen, aber da waren dann noch die Bildungspolitiker seines Bundeslandes, die irgendwann verfügten, dass alle schriftlichen Prüfungen ab einer bestimmten Fehlerzahl immer mit einer Fünf zu bewerten seien. Hier halfen Glück und Zufall: "Da ich schon immer eine brabbelnde Labertasche war", wie Jobatey erinnert, setzten ihn seine Lehrer neben ein ruhiges Mädchen. Da Cherno die Zeitungen, die er vor der Schule austrug, seiner Mutter vorlas, war er politisch überdurchschnittlich gut informiert und mit seiner Schulkollegin Bettina diskutierte der mittlerweile langhaarige Cherno wilde politische Theorien. Bettinas Vater war stellvertretender Rektor und als die neue Richtlinie kam, verfügte er, dass "dieser Quatsch" bei ihm nicht angewendet werden solle. Mutter Jobatey unterschrieb ein entsprechendes Papier und somit hatte die Ausnahme einen rechtlichen Rahmen. Zum Ende der Schulzeit gab sich das mit der Legasthenie. "Berufsberater empfahlen mir eine Hotelfachlehre oder das KFZ-Gewerbe und warnten vor der Uni. Tatsächlich machten aus Jobateys erster Grundschulklasse von 35 Schülern nur drei Abitur, einer nur sah die Universität von innen. Weil Cherno Jobatey Lehrer werden wollte, studierte er Politische Wissenschaften und finanzierte sich sein Studium mit Dolmetschen, Nachhilfe, Gitarrenunterricht und als DJ. Als Gitarrist der Groove Gangsters kam Cherno Jobatey erstmals in Kontakt mit Bühne und Publikum, einmal sogar als Warm-up-Act für Herbert Grönemeyer.
Im vierten Semester überzeugte ihn ein Professor, dass er auch mal raus müsse aus der Herkunftskultur. "Mit etwas Glück gewann ich ein DAAD-Stipendium für einen einjährigen Studienaufenthalt für Politik und Musik in Los Angeles. Es war wie der Sprung ins Paradies. Auf einmal eröffneten sich neue Welten: Vorträge, Begegnungen und Diskussionen mit großen Intellektuellen wie Noam Chomsky, Jazzgrößen wie John Scofield oder Rockern wie Van Halen," erinnert sich Jobatey an diese Zeit.
An der Uni in Los Angeles hielt Cherno Jobatey mal einen Vortrag über Jesse Jackson - auf Umwegen erfuhr man beim Radiosender RIAS davon. Man habe gehört, er sei Experte für inneramerikanische Politik. Cherno Jobatey griff zu und arbeitete fortan frei als Journalist fürs Radio. Das brachte viel Ehre, aber wenig Geld. Als zufällige Urlaubsvertretung für eine Kommilitonin lernte er den vielseitigen Redaktionsalltag beim Fernsehen kennen: am Kopierer beim Berliner Regionalsender SFB, dreimal die Woche, zwei Stunden. Damit hatte er einen seiner großen Füße - auch damals schon in Turnschuhen - in der Tür der lokalen ARD-Anstalt. "Klar bot ich Ideen an, nervte ein wenig, und missverstand die unzähligen 'NEIN!!!' systematisch als 'So nicht!' oder: "Gerade nicht!" erzählt Jobatey. Irgendwann klappte es dann doch und er machte Film-Beiträge für die Abendschau: "Bei Wind und Wetter zog ich mit einem Kamerateam durch Berlin auf der Suche nach Geschichten."
Es war der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der dem Berliner Lokal-Journalisten Cherno Jobatey zu bundesweiter Aufmerksamkeit verhalf, und zwar mit einer Aufsehen erregenden Bemerkung. "Auf dem Berliner Presseball fragte ich nur nach seinem Lieblingstanz. 'Tango!' war die Antwort und das Glucksen, dass ich mir einfach nicht verkneifen konnte, entlockte dem massigen Pfälzer den stolz empörten Nachsatz: "Ich tanze nur, um dem Weibe nahe zu sein!' Dieser Interview-Take ging durch sehr viele Sendungen." so Jobatey heute.
Zum ZDF kam er, weil eigentlich ein Wettermann gesucht wurde. Nach einem immer politischer werdenden Gespräch kam Cherno Jobateys späterem Chef Peter Frey der Gedanke, aus ihm einen politischen Moderator zu machen. "Wir führten noch einige Gespräche, und ich konnte ihn inhaltlich überzeugen, dann auch noch den Nachrichtenchef und den Chefredakteur. Nie hätte ich gedacht, mal mit dem Finanzminister über Konjunkturpakete zu diskutieren oder mit dem Verteidigungsminister über Sicherheitspolitik", so der Moderator.
"Mein Ticket aus den Berliner Hinterhöfen war Bildung, Wissen, Glück und jede Menge harte Arbeit. Hätte damals jemand gesagt, dass ich, der in seiner Jugend von Legasthenie geplagte, mal Geld mit Schreiben verdienen würde, und das auch noch in der ZEIT, im SPIEGEL, in der WIRTSCHAFTSWOCHE , in der COSMOPOLITON, der WELT oder der Münchner AZ, den hätte ich für verrückt erklärt. Aber mit Bildung ist wirklich alles möglich!", resümiert Jobatey. Sein persönlicher Werdegang ließ ihn früh merken, wie viel Hilfe man braucht, um halbwegs gut erwachsen zu werden. Deswegen engagiert er sich vielfältig für Charity-Projekte und unterstützt sie wo er kann, im Kleinen wie im Großen. "Bildung beginnt mit Lesen, oder besser Vorlesen. Deswegen bin ich unter anderem bei der Stiftung Lesen aktiv.", bekennt Jobatey.
Seine persönliche Lebensgeschichte lehrte Cherno Jobatey die folgende Lektion: "Alleine schafft's keiner!" Oder wie es sein Vater mit der alten westafrikanischen Weisheit ausdrückte: "Es brauchte schon immer ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen"
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