Mein ganz persönlicher Bildungsweg

Hajrullah Sertolli

19 Jahre, Wirtschaftsgymnasium am Gropiusring in Hamburg und Teilnehmer Schülercampus "Mehr Migranten werden Lehrer" 2008

Hamburg, 02.12.2008

Foto: Hajrullah Sertolli"Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen."
Johann Wolfgang von Goethe

Mein Vater pflegt mir immer zu predigen: "Hajrullah, wenn du in Deutschland in deinem Leben etwas erreichen willst, musst du dafür kämpfen, doppelt so gut zu sein wie die Deutschen, denn erst dann hast du die gleichen Chancen wie sie." Geboren wurde ich am 22. April 1989 als jüngstes von drei Kindern in der heutigen Republik Kosovo und kam mit meinen beiden älteren Geschwistern und meiner Mutter 1991 zu meinem Vater nach Hamburg. Hier wuchs ich in bescheidenen, aber in friedlichen und glücklichen Verhältnissen ohne Krieg und Gewalt anfangs zu fünft, heute zu acht in einer 4-Zimmer Wohnung im Norden der Hansestadt auf. Aufgrund unserer finanziellen Situation konnten meine Eltern uns oftmals nur moralische Unterstützung geben.

In der dritten Klasse habe ich in "Lesen" und "Rechtschreibung" keine Bewertungen bekommen und in "Sprechen und Gespräch" ein schwach ausreichend. Der LRS-Zusatzunterricht (Lese-Rechtschreibschwäche, Legasthenie) sollte meine Schwächen beheben. Als ich als einziger in meiner Grundschule verschiedene Tests ähnlich eines IQ-Tests machen musste, ahnte ich, dass ich in irgendeiner Art und Weise besonders sein musste. Heute weiß ich, dass ich wohl besonders schlecht gewesen sein musste und als Legastheniker galt. Bis heute erhielten weder meine Eltern noch ich über die Ergebnisse der Tests von Seiten der Schule und Lehrer Auskunft.

In der vierten Klasse hatte ich sechs Fünfen in meinem Grundschulzeugnis. Die Lehrer gaben mir eine Hauptschulprognose und rieten meinem Vater dringend, mich nicht auf eine höhere Schule zu schicken. Heute danke ich meinem Vater von ganzem Herzen, dass er den Rat meiner Lehrer nicht gefolgt ist und mich auf eine Gesamtschule geschickt hat, die auch meine älteren Geschwister besuchten. Ich kämpfte mich durch die Gesamtschule. Trotz meiner schlechten Rechtschreibung und Deutschnoten erreichte ich den Hauptschulabschluss. Immerhin einen Abschluss. Doch damit wollte ich mich nicht zufrieden geben und so entschloss ich mich, die Handelsschule zu besuchen, um meinen Realschulabschluss nachzuholen. "Hajrullah, wir wissen doch beide genau, dass du die Handelsschule nicht schaffen wirst und dass es für dich völlig ausreicht, eine Ausbildung als Maler oder Kfz-Mechaniker zu machen", bekam ich von meiner damaligen Abteilungsleiterin zu hören. Dieser Satz änderte mein Leben schlagartig. Ich wollte es ihr und allen anderen, die nicht an mich glaubten, beweisen und zeigen, dass ich es kann. "Jetzt erst Recht", sagte ich mir und besuchte von nun an mit einer fundamental neuen Einstellung zu Schule und Leistung die Handelsschule.

Meine Zeit an der Handelsschule war für mich eine Zeit des Aufstiegs in schulischer, persönlicher und sozialer Hinsicht. Ich übernahm verschiedene Klassen- und Schulämter und reifte zu einer Führungspersönlichkeit heran. Ich traf auf einen jungen motivierten und engagierten Klassenlehrer, der meine Talente und Fähigkeiten erkannte und förderte. Ihm verdanke ich, dass ich die Handelsschule als Jahrgangsbester mit einem erweiterten Realschulabschluss verlassen habe.

Heute besuche ich die zwölfte Klasse des Wirtschaftsgymnasiums. Meine Leistungskurse sind Wirtschaftslehre und Deutsch. Ein Legastheniker bin ich heute wohl kaum mehr, eher eine Leseratte. Zu meinen weiteren Lieblingsfächern zählen Gemeinschaftskunde und Politik sowie Biologie und Mathematik. Seit August 2007 nehme ich am Stipendienprogramm START teil, welches sich zur Aufgabe gemacht hat, begabte und engagierte Zuwandererkinder in materieller und finanzieller Hinsicht zu fördern.

Im Frühjahr 2008 nahm ich am Schülercampus "Mehr Migranten werden Lehrer" der ZEIT-Stiftung teil. Das festigte meinen Wunsch, Lehrer zu werden und mir wurde klar, welche Bedeutung einem Lehrer mit Migrationshintergrund in Zukunft beigemessen wird.
Bevor ich diesen Text verfasst habe, kramte ich meine alten Schulzeugnisse aus einem verstaubten Aktenordner hervor und verglich sie mit meinem jetzigen Zeugnis. Was mir sofort auffiel - dass alle Fächer, in denen ich schlechte Noten hatte, heute meine Leistungskurse und/oder Lieblingsfächer sind.

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik