Der Weg zu unerträumten Möglichkeiten

Maria Deger

Lehrerin an der Gesamtschule Horn in Hamburg

Hamburg, 01.12.2008

Foto: Maria DegerBildung ist für mich mehr als ein schulpädagogisches Prinzip, das ich heute als Lehrerin aufzubauen versuche. Bildung ist stark verknüpft mit mir selbst, dem Menschen, der ich heute bin. Sie bedeutet Befreiung von all jenen Vorurteilen, die mir gegenüber geäußert wurden, Freiheit zum Denken, Entscheidungsfreiheit, aber auch Verantwortung übernehmen für diese Freiheit.

Bereits früh musste ich für mich und mein Lernen Eigenverantwortung zeigen. Der Unterricht in meiner Grundschule kommt mir im Nachhinein vor wie das Eintrichtern in Lehranstalten vorvergangener Jahrhunderte. Uns Kindern wurden gelegentlich die Ohren langgezogen, wenn uns die Vorträge unseres Lehrers langweilten und wir es wagten, den Blick aus dem Fenster schweifen zu lassen. Die Rede ist vom Ende der 80er Jahre, die 68er Revolution lag bereits zwei Jahrzehnte zurück. Als ich mich eines Tages im Laufe des ersten Schuljahres nicht sehr wohl fühlte, wurde ich ins Krankenzimmer geschickt. Dieser Raum war meine Rettung, denn er bot mir den Zugang in eine neue Welt - in die der Bücher. Neben dem Bett befand sich ein großes Regal, in dem die schönsten Kinderbücher standen. Von jenem Tag an ging es mir des Öfteren nicht gut und ich fand in der Schulanstalt meine Nische.

Meine Eltern hatten nicht viele Möglichkeiten, mich inhaltlich zu unterstützen. Schließlich sprachen sie wenig Deutsch, als ich eingeschult wurde. Aber rückblickend weiß ich, wie wichtig es war, dass meine Mutter tagtäglich fragte, was ich in der Schule gelernt und welche Hausaufgaben ich zu erledigen hätte. Denn es vermittelte mir etwas so Wesentliches: das Interesse an Schule, an Bildung und selbstverständlich an mir. Meine Mutter blätterte mit mir meine Hefte durch, achtete auf die Schrift, darauf, dass keine Lücken unausgefüllt blieben und all meine Buntstifte angespitzt waren, wenn ich am nächsten Tag zur Schule ging.

Doch schon bald spürte ich, dass mir nicht jeder das mütterliche Wohlwollen entgegenbrachte. Im vierten Schuljahr sollte meine Schullaufbahn in eine bestimmte Richtung gelenkt werden - eine Richtung, die weder meinen Fähigkeiten noch meinem Willen entsprach. Trotz der sehr guten Noten riet mein Grundschullehrer meinen Eltern, mich an der Realschule und nicht, wie es in der Empfehlung stand, am Gymnasium anzumelden. Mein Migrationshintergrund und die Tatsache, dass Deutsch nicht meine Muttersprache sei, würden mir am leistungsorientierten Gymnasium irgendwann zum Verhängnis werden. (Vielleicht hatte er Recht und am Gymnasium vertrat man dieselbe Ausländerpädagogik.) Meine Eltern vertrauten der Autorität "Lehrer" und meldeten mich an der Realschule an. Damit waren meine bisher erbrachten Leistungen nichtig. Gleichzeitig machte ich die bittere Erfahrung: Wir sind nicht alle gleich und wir werden nicht immer daran gemessen, was wir können. Außerdem wurde mir bewusst, dass ich mehr tun musste als manch anderer, auch wenn dasselbe Ziel angestrebt wird. Aber aufgeben wollte ich nicht.

Trost spendete mir der Aushilfsjob in der Bibliothek der katholischen Kirche. Ich arbeitete dort am Wochenende und durfte mir umsonst Bücher ausleihen. Das Lesen half mir einerseits, die negativen Erfahrungen zu verarbeiten, andererseits öffnete sich mir eine unermessliche Welt des Wissens.

Die Realschule schloss ich mit Erfolg ab, besuchte schließlich doch das Gymnasium, studierte Germanistik und Hispanistik auf Lehramt und schrieb meine Examensarbeit auf Deutsch in deutscher Literatur. Und all das trotz der "ungünstigen" Voraussetzungen, als Aramäerin im tiefsten Südostanatolien der Türkei geboren und in einer baden-württembergischen Kleinstadt aufgewachsen zu sein. Heute unterrichte ich an einer Hamburger Gesamtschule mit "hohem Migrantenanteil" und absolviere nebenbei ein Zusatzstudium in Interkultureller Bildung und Deutsch als Zweitsprache. Mein Ziel kann es nur sein, meine Schülerinnen und Schüler zum höchstmöglichen Abschluss zu begleiten und sie dabei so gut wie möglich zu unterstützen. Dabei nimmt das Lesen eine außerordentlich wichtige Rolle in meinem Unterricht ein. Denn: "Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten." (Aldous Huxley)

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik