"Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!"

Yasin Yüksel

Messtechniker und Aufstiegsstipendiat

Berlin, 16.12.2008

Foto: Yasin Yüksel
Das Zitat meines jetzigen Arbeitgebers ist mein Lebensmotto. Wer ist mein Arbeitgeber? Mein Arbeitgeber ist Robert Bosch, der damals in einer kleinen Hinterhof-Werkstatt angefangen und einen Weltkonzern geschaffen hat.
 
Heute bin ich bei der Bosch Engineering GmbH in Abstatt als Messtechniker und Toolkoordinator tätig. Hier übe ich eine zentrale Funktion für den gesamten Powertrain-Bereich aus, betreue ca. 1.200 Mitarbeiter und verwalte Systeme im Wert von mehreren Millionen Euro. Aber bis ich es hierher geschafft habe, bin ich einen langen und schweren Weg gegangen.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen die Stationen aufzeigen - mit all ihren Hochs und Tiefs -, die ich in meinem Bildungsleben erfahren habe und möchte dadurch auch denjenigen Mut machen, die dieses Buch lesen, und verdeutlichen, dass Bildung das A und O im Leben ist.

Anfangen möchte ich mit meiner Grundschule in Baltmannsweiler. Hier hatte ich die größten Probleme. Mein Vater beherrschte die deutsche Sprache so gut wie gar nicht und meine Mutter - die zwar sehr gutes Deutsch spricht - hatte, da sie berufstätig war, sehr wenig Zeit für mich. Der einzige, der sich um mich schulisch kümmerte, war mein einziger und älterer Bruder Meliksah. Ich nahm ihn und auch die Schule während dieser Zeit nie sehr ernst. Der Gang zur Hauptschule war damit besiegelt.

Da es bei uns im Dorf keine Hauptschule gab, besuchte ich die Hauptschule Lerchenäcker in Esslingen. Hier tat ich mich schon leichter, da ich einen Lehrer hatte, der mich als Klassenlehrer von der fünften bis zur neunten Klasse durchweg begleitet hat. Herr Kurt Mauser wusste, wie schwer es Kinder mit Migrationshintergrund haben und gab Stützkurse für Kinder mit Schwächen in der deutschen Sprache und Mathematik. Kurz vor meinem Hauptschulabschluss schrieb mich Herr Mauser in der Friedrich-Ebert Schule in Esslingen/Zell für die 2-jährige Berufsfachschule ein, damit ich die Mittlere Reife nachholen konnte, um auf dem Ausbildungsmarkt mehr Chancen zu haben. Meine Eltern waren ihm und der Idee gegenüber sehr skeptisch und meinten, dass ich noch nicht gut genug für einen Realschulabschluss war. Doch Herr Mauser wusste, welches Potenzial in mir steckte und sagte, dass sie sich keine Sorgen machen sollten: "Der Yasin wird das schon schaffen!"

Die Mittlere Reife schaffte ich auch, wie von Herrn Mauser schon vorausgesehen, ohne große Probleme. Aufregend war aber die danach folgende Bewerbungsphase, in der ich einen Ausbildungsplatz suchte. Hier hatte ich eine Zusage von der Robert Bosch GmbH in Waiblingen im Werk Verpackungstechnik als Industriemechaniker bekommen. Damals sagte ich zum Ausbildungsleiter einen Spruch, den er mir bis heute, wenn ich ihm begegne, noch vorhält. Ich sagte damals im jugendlichen Leichtsinn: "Die Firma, die mich nicht einstellt, die kann weinen." Jetzt fragt er mich immer: "Und Yasin, weinen die anderen Firmen schon?" Die Antwort darauf kennt er bereits.

Wie oben genannt, begann ich eine Ausbildung als Industriemechaniker. Mein erster Ausbildungsmeister, Herr Frank Kral, war einer, der mir den Erfolg durch Bildung verdeutlichte. Mein erstes Lehrjahr verlief sehr gut. Eher gesagt so gut, dass ich parallel eine Ausbildung zur Elektrofachkraft anfangen durfte. In der Halbzeit meiner Lehre wechselte ich in das Kunststofftechnik-Werk in Waiblingen. Ich durfte zuerst wegen einer Notenabweichung von 0,1 nicht früher auslernen, doch mein Ausbildungsmeister aus dem ersten Lehrjahr setzte sich für mich ein und damit durfte ich doch früher auslernen. Ich versprach ihm, dass ich das in mich gesetzte Vertrauen nicht brechen werde und schloss die Lehre mit einem Notendurchschnitt von 1,3 ab.

Mit diesem Notendurchschnitt habe ich mehrere Belobigungen und Urkunden bekommen und on Top bin ich noch in das Begabtenförderungsprogramm der IHK aufgenommen worden. Damit standen mir finanzielle Mittel für Fort- und Weiterbildungen zur Verfügung. Da es in dieser Zeit wirtschaftlich nicht gut aussah, kam ich als Maschinenbediener, also noch nicht mal als Facharbeiter, an das Band bei der Robert Bosch GmbH. Ich wusste sofort, dass diese Situation nicht befriedigend für mich war und ich etwas machen musste. Also entschied ich mich für die Abendtechnikerschule in Waiblingen. Des Weiteren wollte ich mich auch mit diesem Arbeitsplatz nicht zufrieden geben und bewarb mich innerhalb des Unternehmens auf andere Stellen. Sogar Ausschreibungen von Stellen, die einen höheren Bildungsabschluss voraussetzten, schrieb ich an. Mit ein wenig Glück bekam ich eine Zusage als Techniker in der Entwicklungsabteilung der Fahrpedalerprobung. Dass ich schon zu dieser Zeit parallel in der Technikerausbildung war, sprach natürlich für mich.

Wenn man vier Jahre lang eine Abendschule besucht und zum staatlich geprüften Techniker ausgebildet wird und parallel dazu eine reguläre Arbeitstätigkeit ausübt, kommt man schnell an seine Grenzen. Doch auch hier war Zähne zusammenbeißen angesagt. Da ich die Chance mit der Begabtenförderung auch noch in Anspruch nehmen wollte, beschloss ich ein Auslandssprachstudium während meines Jahresurlaubs im Jahr 2004 zu belegen: Ich besuchte in Sydney einen Englisch-Intensivkurs. Dies war eine meiner schönsten und abenteuerreichsten Zeiten. Ich lernte viele Leute aus aller Welt kennen, mit denen ich heute noch dank Internet in Verbindung stehe. Da die Mittel aus dem Begabtenförderungsprogramm aber nicht erschöpft waren, beschloss ich, eine weitere Auslandssprachschule zu besuchen und dieses Mal hieß die Location New York, Manhattan. Im Jahr 2006 stürzte ich mich auf ein weiteres Abenteuer, wofür ich meinen Jahresurlaub wieder opferte. Die Schule befand sich mitten in Manhattan im 73. Stockwerk des Empire State Building. Für viele eine Touristen-Attraktion, für mich war es Alltag - Schule eben. Auch hier habe ich schnell viele Freunde finden können. Ich schloss beide Sprachschulen mit sehr gut ab und bekam mehrere Auszeichnungen. Ja, nun aber wieder zu meiner Technikerschule. Ich hatte großes Glück, auf sehr gute Kommilitonen zu stoßen und mit ihnen dieses gemeinsam durchzustehen. Auch die Technikerschule schloss ich mit einer Belobigung ab.

Nach dem Erreichen des Abschlusses als staatlich geprüfter Techniker stand für mich ein neues Ziel fest: das Bosch Entwicklungszentrum in Abstatt. Hier wird an der Zukunft der Automobiltechnologie gearbeitet. Am Ende meiner Technikerschule bewarb ich mich intern bei Bosch in Abstatt als Messtechniker und Toolkoordinator. Seit Juli 2007 besetze ich die Stelle und bin die zentrale Anlaufstelle für den Powertrain-Bereich.

Aber auch hier schaute ich auf mein Lebensmotto und beschloss, ein Maschinenbaustudium anzuschließen. Zurzeit bin ich im dritten Semester an der FHTW Berlin und muss sagen, dass ein Fernstudium nochmals ein Level höher angesiedelt ist als ich es von der Technikerschule gewohnt bin. Auch hier muss ich sagen, dass so was alleine kaum durchzustehen ist. Ich habe auch hier das große Glück, das mit einem Freund aus der Technikerschule durchzumachen. Der eine zieht den anderen mit. Zu meinem Glück kam auch noch zur richtigen Zeit das Aufstiegsstipendium, für das ich mich sofort beworben habe. Hier habe ich alle Voraussetzungen mitgebracht, die Bewerbungsphase gemeistert und damit die Zustimmung zum Stipendium bekommen.

Als Schlusswort will ich noch sagen: Wenn man an sich glaubt und etwas wirklich erreichen will, kann man es auch schaffen. Mein Vater sagt immer: Es ist eine tolle Leistung, wenn man etwas Schweres schafft, denn das Leichte kann jeder schaffen.

P.S.: Ein Quäntchen Glück zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, gehört natürlich auch dazu. Wo würde ich heute stehen, hätte ich nicht meinen Bruder als Vorbild gehabt, der schon als Diplom-Ingenieur arbeitet? Wo würde ich heute stehen, wenn mein Bekanntenkreis, Lehrer, Freunde und Vorgesetzte, mich nicht unterstützt hätten? Vertrauen Sie sich und packen Sie die Gelegenheit am Schopf, denn "Jeder ist seines Glückes Schmied".

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik