Ich habe den Traum etwas zu verändern

Sibel Islami

20 Jahre, Ludwig-Meyn-Gymnasium in Uetersen und Teilnehmerin Schülercampus "Mehr Migranten werden Lehrer" 2008

Hamburg, 02.12.2008

Foto: Sibel IslamiMein Bruder und ich kamen im Juli 2001 aus Mazedonien nach Deutschland. Ich hatte gerade die sechste Klasse - mein Bruder die erste - beendet. In unserem Land herrschte zu dem Zeitpunkt Bürgerkrieg. Zunächst hieß es für mich und meinen Bruder, dass wir zurückgehen würden, sobald die Schulen in Mazedonien wieder geöffnet würden und die politische Situation sich wieder beruhigt hätte. Doch dem war nicht so. Mein Vater überredete mich hier zu bleiben und hier auch zur Schule zu gehen, wenngleich ich die deutsche Sprache kaum gesprochen habe. Ich war in meiner alten Schule eine sehr gute Schülerin und wollte daher auf das Ludwig-Meyn Gymnasium in Uetersen gehen. Der Schulleiter, der meine Deutschkenntnisse positiv aufnahm, empfahl mir dennoch, die sechste Klasse zu wiederholen.

Anfangs war ich sehr enttäuscht von allem. Meine Mitschüler waren nicht besonders entgegenkommend. Leider waren es nicht nur die Schüler, die mich scheinbar nicht da haben wollten. Mein damaliger Englisch- und Geschichtslehrer war der Meinung, dass ich - Schülerin aus einem "Kaff" wie Mazedonien - bestenfalls auf eine Realschule gehörte. Wenn ich diese dann beenden würde, dann könnte ich mein Abi nachmachen. Ich war sehr gekränkt. Der Lehrer wurde glücklicherweise nach einem Jahr pensioniert. Meine ehemalige Deutschlehrerin hat mir in der Anfangsphase sehr geholfen: Sie stellte mir Zusatzaufgaben und Bücher, so dass ich die deutsche Rechtschreibung, Grammatik und den Ausdruck verbessern konnte (ihre Tochter gab mir Nachhilfe). Trotz meiner Fortschritte gab es Zeiten, da wollte ich aufgeben: An der Schule hatte ich keine richtigen Freunde, die Unterrichtsfächer waren in einer "Fremdsprache" und es gab Stress mit einigen Lehrern. In der neunten Klasse sorgte der Französischlehrer dafür, dass ich von einer Zwei auf eine Sechs rutschte. Er schaffte es innerhalb von zwei Jahren, mir die Sprache, die ich so sehr liebte, zu vermiesen. Auch dieser Lehrer wurde pensioniert.
Mein Deutschlehrer motivierte mich und spornte mich an. Er war der Meinung, dass ich mehr Potenzial hätte und forderte mich. Ich schaffte es in Arbeiten Zweien zu schreiben und hatte schließlich als Zeugnisnote eine Drei (vorher Vier). Dies bedeutete mir sehr viel. Es zeigte mir, dass ich Deutsch kann und mindestens so gut war wie die Muttersprachler. Es zeigte mir, dass ich es verdiene, auf ein deutsches Gymnasium zu gehen.

In der zwölften Klasse bekam ich einen neuen Deutschlehrer, der mich auf den Schülercampus "Mehr Migranten werden Lehrer" aufmerksam machte. Erst hatte ich große Angst, dass ich nicht angenommen werden würde, denn in einer Woche sollte die Bewerbungsfrist ablaufen. Doch ich hatte Glück. Dieser Schülercampus zeigte mir ganz neue Möglichkeiten. Er zeigte mir auch, dass ich mit meinem Wunsch nicht alleine dastehe. Ich erfuhr hier auch erstmals von Stipendien. Ich wusste bis dahin nicht, dass es Menschen oder Organisationen gibt, die Zuwanderern helfen, sich besser zu integrieren. Ich erfuhr, dass mein Traum, Lehrerin zu werden, kein Traum bleiben muss. Und, dass es viele verschiedene "Arten" von Lehrern gibt - von Grundschul- bis hin zu Gymnasiallehrern. Allerdings zweifle ich daran, dass ich meinen Traum verwirklichen kann. Es ärgert mich sehr, dass ich immer einen oder sogar zwei Punkte in den Klausuren abgezogen bekomme - wegen meiner Rechtschreibung.

Jetzt habe ich große Angst, ob ich mein Abitur schaffe. Die Universitäten werden nicht meinen Lebenslauf lesen, sondern mich nach meinem Notendurchschnitt beurteilen. Sie werden vermutlich niemals erfahren, dass ich den Traum habe, etwas in der Zukunft zu verändern. Ich will die Zukunft nicht durch das Erfinden von Dingen verändern, sondern der neuen Generation zeigen, dass es auch anders geht, als ich es erfahren habe. Ich weiß jetzt schon, dass jedes Kind individuell gefordert werden muss, dass jedes Kind anders ist und anders lernt. Ich weiß aber auch, dass in jedem Kind, vielleicht noch ein kleines, aber bald ein sehr großes Genie steckt. Das Kind muss nur richtig gefördert werden. Diese Erkenntnisse gewann ich vor allem im Schülercampus, in dem ich auch einige weitere Schulen besichtigen durfte, und dort nicht als Schülerin sondern als Beobachterin im Unterricht saß.
Lehrer sollten Schüler nicht aufgrund ihrer Herkunft, einer Sympathie oder Ähnlichem bewerten. Einige Lehrer haben mich motiviert, selbst Lehrerin zu werden. Ich will "zeigen", dass ich es schaffen kann. Der Schülercampus hat mich meinem Traum ein Stückchen Näher gebracht. Er hat mir viele Möglichkeiten gezeigt, von denen ich vorher nichts wusste. Ich werde mein Bestes dafür tun, meinen Traum irgendwann zu erfüllen.

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Aus dem Buch der Bildungsrepublik