Professor Dr. Ulrich von Alemann
Dekan der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Düsseldorf, 14.12.2008
Es war einmal ein kleiner Junge aus einer großen Familie mit sechs Kindern. Die war aus Thüringen genau an seinem fünften Geburtstag in das Rheinland geflohen. So fangen Geschichten an und deshalb auch meine Bildungsgeschichte. Ein Jahr später wurde ich in den evangelischen Teil der Volksschule in Krefeld-Linn eingeschult - eine katholische Region, so dass die evangelischen Flüchtlingskinder nachmittags unterrichtet wurden. Ich war der kleinste und dünnste und wurde mehrmals in Kinderheime geschickt, um mich aufzupäppeln. Aber mein Mundwerk war groß genug, dass ich schon in der Volksschule Klassensprecher wurde.
Mit 10 Jahren bestand ich die damals noch strenge Aufnahmeprüfung für das Gymnasium in Krefeld-Uerdingen. Höchstens 5 Prozent der Kinder gingen auf das Gymnasium, für das auch noch Schulgeld bezahlt werden musste, was meinen Eltern ziemlich schwer fiel. Drei Jahre später zog die Familie nach Köln. Ich kam auf das sehr liberale Friedrich-Wilhelm Gymnasium. Gekämpft habe ich mit Latein und Griechisch, aber ansonsten gefiel mir die Schulzeit gut und das Lernen fiel leicht. Ich war Klassensprecher und Redakteur der Schülerzeitschrift, nachmittags viel unterwegs in einer Jugendgruppe. Mein Abiturzeugnis 1964 zeigte Licht und Schatten. Der Berufswunsch damals: Journalist. Schon am Schluss der Schulzeit lernte ich meine Frau kennen. Wir heirateten als Studenten und leben immer noch zusammen. Wir haben zwei Söhne, die heute Rechtsanwälte sind.
Ich ging zunächst zwei Jahre freiwillig zur Bundeswehr, weil ich mit dem gesparten Geld einen Teil des Studiums finanzieren wollte. Von meinen Eltern bekam ich nur das Kindergeld ausgezahlt. Dazu kam ein Stipendium nach dem damaligen "Honnefer Modell", von dem ein Teil später zurückgezahlt wurde. Den Rest der Finanzierung habe ich durch Jobs verdient. Das klappte zwar mit der Finanzierung insgesamt ganz gut, aber es war immer eng. Ein Auto war nicht drin, selten Essen gehen, wenig Urlaub.
Im ersten Semester begann ich an der Uni Münster Publizistik zu studieren. Wir genossen das neue freie Leben als Studenten - gerade auch nach der engen Militärzeit -, aber studierten dennoch zielstrebig. Das Studienfach gefiel mir aber nicht, es erschien mir viel zu theoretisch. Ich musste mich entscheiden: als zukünftiger Journalist in das Feuilleton oder in den politischen Teil? Eigentlich war ich mehr an Kunst und Kultur interessiert und hätte deshalb Germanistik studieren können. Aber ich hatte Sorge, ich müsste Mittelhochdeutsch lernen. Da ich auf der Schule so mit den alten Sprachen gekämpft hatte, entschied ich mich für die Politik, da reichte mein schwaches Großes Latinum.
Wir wechselten nach Bonn, und ich studierte Politische Wissenschaft sowie Geschichte und Staatsrecht und auch noch etwas Soziologie. Zwischen 1966 und 1970 war eine spannende Zeit zu studieren. Ich sympathisierte mit dem Aufbruch der Studenten, mehr Demokratie und Mitbestimmung, blieb aber ein kritischer Beobachter. Damals gab es noch keine Zwischenprüfung, Bachelor, Master oder Magister: Der erste Abschluss war die Promotion. Schon nach vier Semestern hatte ich ein Thema für eine Doktorarbeit. Mein Professor riet mir aber, noch ein Auslandsjahr einzuschieben, da gerade ein kanadischer Kollege einen Mitarbeiter suchte. So ging ich an die University of Alberta in Edmonton, Kanada und machte einen Master of Arts in Political Science - meine erste und sehr wertvolle Erfahrung mit dem Ausland.
Zurück in Bonn bereitete ich mich zügig auf die Promotion vor und bekam schon vor dem Abschluss 1972 das Angebot auf eine Assistentenstelle an der Universität. Damit waren die Würfel gefallen. Der Journalismus hatte mich nicht mehr so interessiert, ich war auf dem Weg in eine Universitätslaufbahn. Fünf Jahr blieb ich Assistent an der Bonner Uni und engagierte mich aktiv im wissenschaftlichen Fachverband der Politikwissenschaft. Hier schaffte ich mir ein Netzwerk von Kontakten, das bis heute hält. Ich arbeitete an einer Habilitation, kam aber nicht so recht weiter, weil auch mein Verhältnis zu meinem Professor etwas abgekühlt war.
Im Herbst 1977 kam der große Sprung weg aus Bonn, weil ich zunächst eine Professur an der Universität Bielefeld vertrat und dann im Januar 1978 auf eine Professur der Pädagogischen Hochschule in Neuss berufen wurde. Ich war 33 Jahre und glücklich, mit Frau und zwei kleinen Kindern eine Lebenszeitanstellung gefunden zu haben. Ich wechselte noch mehrmals die Universitäten und lehre heute in meinem Traumberuf an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Politikwissenschaft und diene als Dekan der Philosophischen Fakultät: Die Freiheit eines Universitätsprofessors zusammen mit der Sicherheit des Beamten sind ein hohes Privileg. Daneben schreibe ich seit einiger Zeit eine Zeitungskolumne und bin so auch als Journalist noch angekommen.
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