Bildung kommt doch von building - oder?

Inke Kowalzik

Bauingenieurin und Teilnehmerin der Weiterbildung "Kanalsanierungsberater" an der Bauhaus-Weiterbildungsakademie Weimar

Weimar, 11.11.2008

Foto: Inke KowalzikStreben nach Bildung ist für mich das Streben nach Selbständigkeit. Kluge Menschen schrieben auf, was sie wussten - so dass andere nicht selbst das Rad erfinden mussten, sondern sich Gedanken zu der für den Motor benötigten Kurbelwelle machen konnten. Weiterbildung halte ich für ein wahres Vermögen am eigenen Wert und ein hohes, leider viel zu wenig gewürdigtes Privileg unserer Gesellschaft. Nachhaltig erfasst sind diese Elemente kein Luxus, sondern unabdingbar. Wilhelm von Humboldt vertrat als Bildungsreformer die Theorie, dass "dem Wort Bildung das Moment der Selbständigkeit, also des Sich-Bildens der Persönlichkeit" anhaftet. Mein Bestreben, mich zu bilden, beruht wohl darauf, etwas in dieser Gemeinschaft zu bewegen - mich einzubringen. Mein Antrieb ist die Neugier.

In der Schule war ich immer an naturwissenschaftlichen Fächern, Kunst und Mathematik interessiert. Nach einem Schulpraktikum als Bauzeichnerin entschied ich mich, im Anschluss an die 10. Klasse die Ausbildung in diesem Beruf anzugehen. Ich wollte auf die bis dahin erlangte "theoretische" Ausbildung endlich die praktische und handelnde folgen lassen. Die Berufsbildung brachte mir erste Arbeitserfahrungen, aber auch die Erkenntnis, tiefer in die Materie einsteigen zu wollen. Ich entschloss mich, obwohl mir das Risiko der Doppelbelastung Beruf und Weiterbildung bewusst war, in der Abendschule das benötigte Fachabitur nachzuholen.

Nach dem ersten Schuljahr war der Tiefpunkt erreicht. Der tagtägliche Wechsel zwischen achtstündiger Arbeit mit all den neuen praktischen Eindrücken, dem Unterricht am Abend und an den Wochenenden mit den neuen theoretischen Anforderungen, ließ nicht mehr viel Platz für Freizeit. Dennoch erschien es mir richtig, diese zeitlich begrenzten Entbehrungen für das Erreichen des von mir selbst gesteckten Zieles einzusetzen. Ich schloss die Abendschule mit Fachabitur ab und begann das Studium zur Bauingenieurin. Einen doppelten Boden habe ich mir dessen ungeachtet schon gebaut - die Bauzeichnerstelle konnte ich für die Zeit des Studiums beurlauben.

Nach erfolgreichem Abschluss meines Studiums wollte ich erneut auf die Theorie die Praxis folgen lassen. Jetzt, seit viereinhalb Jahren als Bauleiterin bei einer Spezialtiefbaufirma, lerne ich viele Dinge aus der Praxis: Wie geduldig doch Papier und Theorie bisweilen sein können, dass nach dem Organisieren auch das Improvisieren gelernt sein will und wie wichtig der Konsens aus im Betrieb vorhandener Erfahrung und theoretischem Wissen ist. So wird nach und nach ein komplettes Ganzes. Kanalsanierungsberater ist jetzt die nächste Etappe auf meinem steten Weg.

Es sind meist andere, die einen in ihrer Begeisterung mitreißen, motivieren und infizieren. "Nur wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entfachen." (Aurelius Augustinus). Bilden heißt für mich, aktiv am Leben teilzunehmen, mit Menschen zu sprechen und das Gehörte umzusetzen. Bildung ist auch keine Einbahnstraße, dank Kommunikation bildet jeder Einzelne auch andere weiter. Durch viele Standpunkte bekommt man mannigfaltige Perspektiven und lernt somit ein objektives Abwägen, um seine eigenen Anschauungen zu festigen. Wie meine damaligen Mentoren es schon beschrieben haben, kann ich es auch nur jedem anderen empfehlen - der sich für einen Bereich besonders interessiert - dem nachzugehen und sein Wissen zu vertiefen beziehungsweise es auszu"bauen" - folglich "to build" = Bildung - oder?

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Aus dem Buch der Bildungsrepublik