Barbara Hennings
Apothekerin in Berlin
Berlin, 17.12.2008
In der Grundschule gehörte ich immer zu den Klassenbesten und dennoch sahen mich weder meine Lehrer noch meine Eltern auf dem Gymnasium. So besuchte ich zunächst die Haupt- und dann die Realschule. Auch zu dieser Zeit wäre ein Aufstieg mittels Übergangsklasse in das Gymnasium noch möglich gewesen, aber mit dem damals üblichen Verständnis, dass man das Abitur nur zum Studieren bräuchte, war meine Schulkarriere zunächst nach der zehnten Klasse beendet. Nach einem Beratungstermin beim Arbeitsamt stand mein Berufswunsch fest: Ich wollte Beschäftigungs- und Arbeitstherapeutin werden und nicht Bank-, Hotel- oder Bürokauffrau wie in meinem schulischen und familiären Umfeld üblich.
Immer wieder prallten hier zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen von Bildung aufeinander: Lernen, um ein konkretes Ziel zu verfolgen, oder Lernen, um Erkenntnisse zu erlangen, die einem im Leben etwas nutzen und zu persönlicher Zufriedenheit führen.
Es gelang mir zwar, mit nur 16 Jahren einen der wenigen Ausbildungsplätze zur Ergotherapeutin zu ergattern, aber auf die sehr belastenden Erfahrungen während der Praktika, wie z. B. 40 chronisch schizophrene Patienten zusammen mit einer Therapeutin zu betreuen, hatte mich das Leben noch nicht vorbereitet. Ich wollte die Ausbildung sogar abbrechen. Da ich aber sehr gute Noten hatte, beugte ich mich dem Argument meiner Eltern, dass man zu Ende bringt, was man einmal begonnen hat. Nach Abschluss der Ausbildung, vier Jahren Berufstätigkeit und mit nur 23 Jahren befand ich mich in einer Tretmühle aus Arbeitsalltag: keine persönliche Weiterentwicklung, wenige Urlaubstage, geringe Bezahlung und kaum Aufstiegsmöglichkeiten.
Nach einer zweimonatigen Reise durch Indien fasste ich den Entschluss, noch einmal durchzustarten und bewarb mich an drei Kollegs, um das Abitur nachzuholen. Das Freiburger Kolpingkolleg war in mancherlei Hinsicht eine Offenbarung. Ich habe nicht nur viele interessante Menschen kennen gelernt, sondern auch das Glücksgefühl, das man beim Lernen haben kann und das, obwohl die Herausforderungen immens waren, so zum Beispiel nach nur drei Jahren Französisch-Unterricht die Zentralabiturprüfung im Französisch-Leistungskurs abzulegen, für die "normale" Schüler sieben bis neun Jahre büffeln. In dieser Zeit reifte die Idee, Fotoingenieurin zu werden. Nach dem Abitur machte ich ein Praktikum in einem Studio für Werbefotografie und stieg dort schnell zur Assistentin auf. Nach einem Jahr stellte ich jedoch fest, dass ich nicht kreativ genug für diesen Beruf war - zumindest was meinen Anspruch anbelangte. Ein Lebenstraum war geplatzt und Alternativen konnte ich zunächst nicht finden. Die Zeit der Entscheidungsfindung für einen neuen Beruf wollte ich nicht durch Jobben vertrödeln, sondern nutzen, eine Sprache fließend sprechen zu lernen.
So kam ich nach Paris, wo ich 1½ Jahre blieb. Dort halfen mir verschiedene Jobs, Französisch zu lernen und das sehr teure Leben zu finanzieren. Ein Studium in Paris aufzunehmen, konnte ich mir zwar vorstellen, es war jedoch finanziell nicht realisierbar. In Paris habe ich unheimlich viel gelernt und nicht zuletzt die Einsicht erlangt, dass Deutschland ein Land ist, in dem mehr möglich ist als man denkt.
Mit 29 Jahren machte ich einen Schritt, der teils auf wenig Verständnis, teils aber auch auf Bewunderung stieß: Ich begann ein Pharmaziestudium in Berlin. Die Finanzierung durch elternunabhängiges BAföG und Nebenjobs war gesichert, aber würde ich dem Druck standhalten? Das Studium war sehr zeit- und lernintensiv - und unheimlich interessant. Wenn mir das Ausmaß vorher klar gewesen wäre, hätte ich diese Herausforderung vielleicht gar nicht angenommen. Viele Auslandsreisen halfen mir, das Leben auch außerhalb von chemischen Formeln und Zusammensetzungen von Wirkstoffen zu genießen.
Nach drei Staatsexamen, Pflichtpraktika in der Apotheke und bei Schering Pharma bin ich auch heute noch nicht am Ziel, sondern weiter auf einem spannenden Weg. Seit 2006 bin ich bei Bayer Schering Pharma für die Herstellung und pünktliche Auslieferung klinischer Prüfpräparate zur Durchführung klinischer Arzneimittelstudien verantwortlich. 2008 übernahm ich die Führung des Bereichs Clinical Supply Operations mit 18 Mitarbeitern.
Heute habe ich eine sehr spannende Tätigkeit. Ich habe sehr schnell sehr viel gelernt (Arbeiten in einer globalen Funktion eines internationalen Konzerns, Mitarbeiterführung, Audits/Behördeninspektionen, Personalauswahl/Einstellungsgespräche etc.), Chancen zur persönlichen Weiterbildung genutzt (Seminare, Einzeltrainings, Coaching) und Herausforderungen (Personalführung, Integration der beiden Firmen) angenommen. Viele weitere warten noch auf mich. Das Gefühl, für alle Anstrengungen des Studiums entlohnt zu werden, ist schon lange da. Hier bin ich am richtigen Platz und kann meine Fähigkeiten und Kompetenzen in meiner Funktion optimal einbringen. Mein persönliches Fazit ist deshalb: Man kann alles schaffen, wenn man es wirklich will! Ich bin heute nicht trotz, sondern gerade wegen der zahlreichen Richtungswechsel in meinem beruflichen Bildungsweg und der vielen damit verbundenen Erfahrungen dort angelangt, wo ich bin, fühle mich sehr glücklich und werde in meinem beruflichen Umfeld geschätzt.
Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.