Während andere feierten, habe ich für die Meisterprüfung meinen Kopf in die Bücher gesteckt.

Carlos Romero

Unternehmer (RoNo Romero & Nolte Fertigungstechnik GmbH) Lübeck

Lübeck, 31.10.2008

Foto: Carlos RomeroIm Alter von zwei Jahren zog ich mit meinen Eltern von Spanien nach Deutschland und kam mit sechs Jahren in die Schule. Am liebsten hätte ich die Schule schon nach der achten Klasse beendet, doch meine Klassenlehrerin redete meinen Eltern, vor allem aber mir gehörig ins Gewissen. Wie gut, denn "das schnelle Geld verdienen", wie ich es mir als naiver Pubertierender damals vorgenommen hatte, wäre sicher keine einfache Angelegenheit geworden.

Am 1. August 1980 begann meine Ausbildung in dem Lübecker Unternehmen, in dem ich später Stefan Nolte kennen lernen sollte. Ich wurde Dreher, besuchte einige Jahre später die Abendschule und machte im Jahr 1992 meine Meisterprüfung. Abendschule deshalb, weil ich zum damaligen Zeitpunkt bereits eine kleine Familie zu ernähren hatte und wir auf mein Einkommen angewiesen waren. Das Geld war knapp, aber immerhin wurden wir über die zweieinhalb Jahre teilweise vom Arbeitsamt und vom Arbeitgeber unterstützt.

Ein Firmenwechsel kam für mich in den Jahren danach nicht in Frage. Die Metallbranche blickte keinen besonders rosigen Zeiten entgegen und Meister wurden keineswegs händeringend gesucht. Ich wusste sehr wohl, dass meine Stelle in der Firma einigermaßen sicher war. Und noch etwas lag auf der Hand: Wenn ich genügend Geduld aufbringen würde, wäre die nächste freie Meisterstelle meine. Mein vorgesetzter Fertigungsleiter stand immerhin kurz vor dem Rentenalter.
Ich begab mich in Wartestellung und nutzte die Zeit, um an CNC-Lehrgängen teilzunehmen und mich im Bereich Mitarbeiterführung weiterzubilden. Eine Art Langzeit-Bonus in dem Unternehmen kam mir dabei zugute. Die Firma war mir bestens vertraut.

Nicht gerade risikofreudig, aber immerhin bewusst arbeitete ich auf den "Zeitpunkt X" hin, auf den Tag, an dem ich der neue Fertigungsleiter werden würde. Das war mein Ziel und das Gute war, dass ich nicht sofort, nicht unvorbereitet den Sprung ins kalte Wasser wagen musste. Außerdem war es mir wichtig, eine gewisse Zurückhaltung gegenüber den Kollegen zu wahren. Nicht nur, weil Bescheidenheit meiner Meinung nach dazu gehört, sondern auch, um andere nicht unnötig zu beunruhigen. Vor allem nicht, wenn man zuvor "einer von ihnen" war und scheinbar über Nacht zum Meister wurde - selbst dann nicht, wenn der eigene Antrieb der ausschlaggebende Punkt war und es im Grunde wirklich jedem offen steht, an sich selbst zu arbeiten.

Einmal bot man mir an, mich selbständig zu machen. Die Firma wurde von einem schwedischen Konzern übernommen. Ziel der neuen Geschäftsleitung war es daraufhin, Arbeit nach außen zu verlagern. Ein Teil der Maschinen wurde nicht mehr benötigt.
Interesse meinerseits bestand, nur der Zeitpunkt war ungünstig. Mein Mutpegel sank angesichts meines relativ jungen Alters und der Kosten, die eine Selbständigkeit für mich bedeutete. Kurz: Ich war mit knapp 30 Jahren noch nicht soweit, mich dieser großen Verantwortung zu stellen. Außerdem gab es für mich noch Plan B - die Stelle des Fertigungsmeisters einzunehmen. Dank meiner Weiterbildungen war dieser Plan mehr als realistisch und viel weniger riskant. Sieben Jahre arbeitete ich dann als Fertigungsleiter. Im Jahr 2002 lernte ich Stefan Nolte kennen, mit dem ich einige Zeit hervorragend zusammen arbeitete. Nach Übernahme der Firma durch ein dänisches Unternehmen und erheblichen internen Umstrukturierungen wuchs nicht nur die allgemeine Unsicherheit erheblich, sondern auch die Sorge um unsere Arbeitsplätze.
Niemand wusste nach dem Verkauf der Firma so recht, wie es weitergehen sollte. Arbeitsbereiche wurden nach Dänemark verlegt, andere wiederum blieben in der Hansestadt Lübeck. Die Entscheidung, unsere gesamte Abteilung "Zerspanung" nach Dänemark zu verlegen, fiel kurze Zeit später.
Viel Vertrauen in die Visionen der neuen Geschäftsleitung, die im Rahmen einer Betriebsversammlung offenbart wurden, hatte ich zugegebenermaßen nicht. Viel mehr reifte in mir erneut der Gedanke, mich selbstständig zu machen. Erfahrungen besaß ich, und wenn ich Stefan Nolte ebenfalls würde begeistern können, hätte diese Idee mehr als eine Chance verdient.

Wir beide wollten nicht warten und keines der möglichen Angebote seitens der Geschäftsleitung genügte uns. Die gesamte Situation war zu heikel und unglaubwürdig, auch wenn wir eine ganze Weile nicht darüber sprachen. Jeder machte sich allerdings seine ganz eigenen Gedanken darüber, wie es weitergehen konnte.
Keine Frage, ich merkte, wie das Thema Selbständigkeit nicht nur in meinem, sondern auch in Stefan Noltes Kopf umherschwirrte. Kurz darauf machten wir Nägel mit Köpfen und gründeten gemeinsam die Firma RoNo Fertigungstechnik GmbH. Das war im Jahr 2004. Elf Kollegen aus unserem ehemaligen Unternehmen, welches beinahe wie über Nacht unser 'Kunde' wurde, konnten wir anstellen. Kürzlich haben wir eine weitere Firma übernommen und konnten alle Arbeitsplätze erhalten.

Foto: Mannschaft der RoNo Romero & Nolte Fertigungstechnik GmbHWir hätten es nicht für möglich gehalten, dass sich eine derartige Dynamik entwickeln würde. Beispielhafte Unterstützung erhielten wir seitdem von der Wirtschaftsförderung Lübeck, von dem Projekt Weiterbildung in Lübeck, außerdem von Anwälten und Steuerberatern, weil wir sehr schnell erkannten, dass wir den gesamten Apparat ohne entsprechende Hilfe gar nicht stemmen konnten.
Wann immer wir Unterstützung benötigen, ganz gleich, ob im Bereich Weiterbildung, in rechtlichen Angelegenheiten, vor allem aber in der Personalentwicklung, fühlen wir uns gestützt und begleitet. Wir suchen uns die entsprechenden Kompetenzen. Inzwischen sehen wir, dass Weiterentwicklung für die Mitarbeiter der Firma RoNo immer größere Kreise zieht. Weiterbildung ist ganz klar jedermanns Sache - vor allem aber Unternehmenssache.

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Aus dem Buch der Bildungsrepublik