Früh übt sich!

Karen Grosstück

Logopädin und Unterstützerin der Ausstellung "Sprich mit mir!", eine Wanderausstellung des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie e. V.

Hamburg, 01.12.2008

Foto: Karen GrosstückSeit über 25 Jahren bin ich nun schon als Logopädin tätig. In dieser Zeit habe ich vielen Kindern bei der Sprachentwicklung auf die Beine geholfen oder sie zu mindestens angeschubst.
Die schönste und längste Bildungsgeschichte ist die meines ersten Patienten: Mein Neffe Florian. Mit drei Jahren sprach er nicht mehr als drei Wörter (Mama, Papa, Baby). Aus Sorge über diese Entwicklung suchten die Eltern ein sozialpädiatrisches Zentrum auf. Die Ärztin teilte den Eltern mit, Florian habe eine Entwicklungsstörung. Er würde wohl nie Fahrrad fahren lernen und an einen normalen Schulabschluss, ein selbständiges Leben oder eine berufliche Tätigkeit sei bei so einer schwerwiegenden Sprachentwicklungsstörung wohl nicht zu denken. Meine Schwägerin und ihr Mann waren geschockt. Nach Aussage der Ärztin war der Dreijährige auch noch zu klein für eine logopädische Sprachtherapie, denn er könne ja noch nicht am Tisch sitzen und 45 Minuten aufpassen.
Ich hatte damals gerade mein Examen in der Tasche und wollte diese Aussage so nicht stehen lassen. Florian und ich begannen also seine Sprachtherapie. Ein bis zweimal in der Woche übte ich mit Florian 45 Minuten lang die ersten Sprachlaute, unterstützt durch Bildsymbole und Gesten. Langsam begann er die Struktur der Sprache zu begreifen und konnte sie sich aneignen. Viele Stunden übten wir, das Gelernte im Spiel mit Bauernhoftieren, mit Autos und mit Duplo-Steinen auf dem Boden umzusetzen. Viele Stunden gab ich geduldig und regelmäßig "corrective feedback" (wiederholende Verbesserung) und lernte auch Florians Eltern in dieser Technik an, damit sie ihn zuhause beim Spracherwerb wirkungsvoll unterstützen konnten. Das Wichtigste an der Therapie aber war, dass wir beide viel Spaß beim Sprechen gehabt haben. Zwei Jahre haben wir geübt, dann waren die grössten Probleme aus der Welt: Florian konnte sprechen und sich im Kindergarten behaupten.
Mit fast sieben Jahren wurde er dann eingeschult. Da er immer noch sprachliche Probleme hatte, kam er in das Sprachheilinternat Wentorf bei Hamburg. Hier blieb er zwei Jahre und lernte in einem geschützten Rahmen Lesen und Schreiben. Anschließend wechselte er auf die Förderschule Ahrensburg und konnte endlich von zuhause zur Schule fahren. Um dann den Hauptschulabschluss zu machen, musste er nach der neunten Klasse dann noch einmal in ein Internat, ins Jugendaufbauwerk Schleswig-Holstein. Immer wieder unterstützten ihn seine Eltern und der Rest der Familie. Florian sollte seinen Hauptschulabschluss schaffen!
Nach der Schule machte er eine Lehre zum Klempner und fand danach über eine Zeitarbeitsfirma eine Anstellung. Er wurde sogar von einer großen Hamburger Firma übernommen. Inzwischen ist Florian 27 Jahre alt, hat seinen Führerschein, sein eigenes Auto und wohnt mit seiner Freundin in einer eigenen Wohnung. Die Prophezeiungen seiner Ärztin sind in keiner Weise in Erfüllung gegangen. Gott sei Dank! Daran haben viele Menschen, aber ganz besonders Florian und seine Eltern ihren Anteil. Und dass Florian dann vor einiger Zeit auf der Hochzeit seines Cousins zum Mikrofon griff, um eine lustige und treffende Rede zu halten, hat uns alle am meisten gefreut.

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik