Tanzend in die Selbständigkeit

Rafael Mutrasin

Dipl. Musikschul- und Tanzlehrer und Leiter einer eigenen Tanzschule

Erfurt, 11.12.2008

Foto: Rafael MutrasinIch bin 1964 in Usbekistan als fünftes von sieben Kindern geboren. Mein Studium zum Diplom-Musikschullehrer absolvierte ich in der Musik-Lehranstalt in Osch, im heutigen Kirgisien. Eigentlich war meine Familie nicht sonderlich musikalisch. Ich war der erste, der sich intensiv mit Musik beschäftigte und diese zum Beruf machte.
Nach dem Studium machte ich noch eine Ausbildung am Kirgisischen Staatlichen Institut für Kunst in Bischkek. Dort wurde ich als Tanzschullehrer, Trainer für Turniertänze, Fachmann für Kulturarbeit und Orchesterleiter für Volks¬instrumente erfolgreich ausgebildet.
Als ich mein Abschlusszeugnis in der Tasche hatte, bot sich mir die Chance, als Dozent weiter am Kirgisischen Staatlichen Institut für Kunst zu bleiben. 13 Jahre lang arbeitete ich dort als Orchesterleiter, Dozent für Orchesterdirigenten wie auch als Choreograf und Tanzlehrer. Vielleicht klingt es für deutsche Ohren ein wenig ungewöhnlich, in zwei scheinbar unterschiedlichen Disziplinen zu arbeiten. Aber Tanz und Musik gehörten für mich immer zusammen. Das tiefe Verständnis für eine der beiden Kunstformen eröffnet einem auch den Zugang zu der anderen und umgekehrt.
Meine Leidenschaft für den Tanz habe ich auch an meine Tochter weitergegeben, die 1988 zur Welt kam. Bei ihr zeichnete sich schon früh eine tänzerische Begabung ab. Natürlich wollten wir als Eltern unserer Tochter die besten Chancen für die Zukunft bieten. In Kirgisien hätte sie aber keine optimale Tanzausbildung bekommen können. Zudem reichten damals die Gehälter von mir und meiner Frau nicht, um eine gute Tanzausbildung finanzieren zu können. Die besten Vorraussetzungen für unsere Tochter boten sich nach unserer Einschätzung in Moskau oder in Deutschland.
Die Entscheidung fiel zugunsten Deutschlands. Im Jahr 2000 siedelten wir nach Rostock über. Als wir ankamen, sprachen meine Frau und ich kein einziges Wort Deutsch. Daher besuchte ich zunächst ein und dreiviertel Jahre einen Intensivdeutschkurs. Privat hatten wir allerdings anfangs vor allem Kontakt mit anderen Russen und russischsprachigen Bekannten. So gab es zunächst kaum die Möglichkeit für mich, das Gelernte auch anzuwenden.
Dies änderte sich erst, als ich eine 14-monatige Ausbildung zum Animateur am Institut für Management und Marketing begann. Hier war ich der einzige "Russe", hier gab es gar keine andere Möglichkeit, als Deutsch zu sprechen. Im Nachhinein bin ich deswegen besonders froh über diese Ausbildung. Abgesehen davon, dass ich viel Neues lernte, hatten wir auch endlich Kontakt zu Deutschen.
2002 erhielt ich ein einjähriges Engagement als Solotänzer am Rostocker Volkstheater. Im gleichen Jahr trat ich auch dem "Tanzclub Seestern Rostock e.V." bei und tanzte bald mit meiner Frau auf Turnieren. Zwei Jahre später gab ich Tanzkurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in den Bereichen Jazz, Hip Hop, Modern Dance und Gesellschaftstanz.
Doch vorerst konnte ich von dem Gehalt für die Tanzstunden nicht leben. Daher arbeiteten meine Frau und ich hauptberuflich zwei Jahre lang in einem Restaurant. Das war eine harte Zeit. Wir arbeiteten unter der Woche bis spät abends und oft auch am Wochenende. Zwar hatten wir nun genügend Geld, aber unsere beiden Kinder sahen wir kaum noch.
Als dann meine ältere Tochter bei uns auszog um als Tänzerin nach Pforzheim zu gehen, stellte sich für uns die Frage: Sollen wir so weitermachen?
Meine Frau und ich wagten den Sprung ins kalte Wasser und eröffneten im Herbst 2007 unsere eigene Tanzschule. Es war die richtige Entscheidung. Meiner Passion für Musik und Tanz kann ich nun endlich wieder hauptberuflich nachgehen. Und auf den Tanzturnieren haben wir bereits viele Erfolge erzielen können. Unter anderem wurden wir mehrmals Landesmeister in Mecklenburg-Vorpommern im Senioren-Standardtanz. Das macht uns stolz. Und für unseren Sohn haben wir jetzt auch wieder mehr Zeit.

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik