Mit den Augen stehlen, wo es nur geht!

Jana Wolf

Physiotherapeutin und Stipendiatin des Aufstiegsstipendiums der Bundesrepublik Deutschland

Berlin, 16.12.2008

Foto: Jana Wolf"Du musst mit den Augen stehlen, wo es nur geht", sagte mein Großvater manchmal in vertraulichen Enkelgesprächen zu mir. Zunächst war ich darüber verunsichert, da ich glaubte, der Opa wolle mich zu kriminellen Handlungen anstiften. Aber ich begriff bald, was er meinte: Er erklärte mir eine Grundregel des Lernens - aufmerksam beobachten und neugierig zuschauen.

Mein Großvater war auch der Meinung, dass alle seine Enkelinnen studieren sollten. Doch das tat ich vorerst nicht. Ich schloss die Polytechnische Oberschule ab und wollte gern mit Menschen arbeiten, genauer, ich wollte ihnen helfen. Ich bewarb mich für einen Ausbildungsplatz zur Physiotherapeutin und bekam eine Zusage. Nach der Ausbildung arbeitete ich zehn Jahre in einem Krankenhaus. In dieser Zeit behandelte ich viele Menschen mit unterschiedlichen Beschwerden und zum Teil sehr schweren Krankheiten. Ich war gern Physiotherapeutin, aber es wurde mir immer bewusster, dass eine körperorientierte Behandlung ohne ausreichende Berücksichtigung der Gefühle und Gedanken der Patienten unzureichend ist. Körper und Psyche müssten zusammen betrachtet und behandelt werden, dachte ich mir oft. Schwerkranke Menschen brauchen nicht nur jemanden, der für Muskeln und Gelenke sorgt, sie müssen auch sich selbst reflektieren dürfen.

Im Jahr 2003 begann ich, das Abitur auf dem Abendgymnasium in Chemnitz nachzuholen. Drei Jahre lernte ich nach der Arbeit. Ich saß nun jeden Tag von 16 bis 21 Uhr auf der Schulbank. Am Wochenende erledigte ich Hausaufgaben, lernte für Klausuren und bereitete Schulvorträge vor - das war eine wirklich anstrengende Zeit. Ich hatte sehr wenig Freiraum für anderes und mehr als einmal dachte ich: "Das halte ich nicht durch". Aber ich blieb dabei, denn es hat mir, trotz der großen Belastung, viel Spaß gemacht. Nette Lehrer und Mitschüler in ähnlichen Lebenssituationen erleichterten die Strapazen.

Nach dem Abitur war ich unsicher, ob ich studieren sollte. Sicher war ich mir jedoch, dass ich keine weiteren vier Jahre neben einer Vollzeitstelle am Abend lernen konnte und wollte. Ein Studium allerdings würde eine finanziell sehr unsichere Zukunft bedeuten. Ich bewarb mich trotzdem um einen Studienplatz für Psychologie. Die Zusage für den Studienplatz kam, als ich schon gar nicht mehr damit rechnete - im Nachrückverfahren. Ebenfalls sehr überraschend und glücklicherweise habe ich ein Stipendium erhalten.

Manchmal bleibt im Leben für das aufmerksame Beobachten und neugierige Zuschauen etwas weniger Zeit und manchmal etwas mehr, so wie jetzt bei meinem Studium, dank des Aufstiegsstipendiums.

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Aus dem Buch der Bildungsrepublik