Aufgeben? Wäre doch viel zu einfach!

Marc Eickenbusch

Student des Wirtschaftsingenieurwesens an der Hochschule München und Aufstiegsstipendiat

Berlin, 16.12.2008

Foto: Marc EickenbuschLernt man eine Landschaft nicht besser kennen, wenn man sich seinen Weg über Stock und Stein selbst bahnt, als wenn auf einer geraden, aber viel befahrenen Straße das Ziel scheinbar schon vorgegeben ist? Ist das im eigenen Entwicklungsprozess nicht ähnlich? Wir lernen doch oft erst auf der Suche nach unserem eigenen Weg die Facetten des Lebens und die eigene Persönlichkeit richtig kennen und begreifen erst durch vermeintliche Umwege unsere wahre Identität.
Mein beruflicher Werdegang entsprach genau diesem Bild. Diese Erfahrungen zeigten mir, dass gerade die Bewältigung von Hindernissen mit Durchhaltekraft zum meinem Ziel führten.
Schon in der Grundschule machte mir eine schwere Gehirnhautentzündung zu schaffen, die ab der 4. Klasse über mehrere Jahre hinweg massive Konzentrationsschwierigkeiten und eine Lernschwäche nach sich zog. Mit einem Zwischenjahr auf der Hauptschule habe ich dann versucht, auf dem Gymnasium zu bestehen. Nach der (noch) bestandenen 7. Klasse musste ich aber einsehen, dass Latein einfach nichts für mich war. Auch Mathematik sollte damals nicht mein Lieblingsfach werden.
Die Entscheidung, auf die Realschule zu wechseln, habe ich bis heute nicht bereut. Fächer wie Englisch, Französisch, Informatik, Musik und Sport haben mir viel Freude bereitet. Dennoch schwand die Lust auf Schule, weil pubertäre Ausbrüche mir und meinen Eltern das Leben schwer machten. Trotz allem hielten sie zu mir, erst viel später begriff ich, dass mir dies immer wieder Kraft gegeben hat.
Nach dem folglich mittelmäßigen Abschluss wusste ich nicht recht, wohin mein Weg führen sollte. Vielleicht kennt der eine oder andere Leser das Gefühl, kein konkretes Ziel vor Augen zu haben. Frustriert zu sein, weil einen nichts so sehr interessiert, dass man daraus einen Beruf fürs Leben machen möchte?!
Um nicht tatenlos die Zeit verstreichen zu lassen, nahm ich eine befristete Anstellung als Arbeiter an und ließ die Frage nach meinem Traumjob unbeantwortet. Während der Zeit des Zivildienstes, in der ich oft an meinem ersten eigenen Auto bastelte, wurde mein Interesse für die Technik geweckt und ich entschied ich mich für eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, die ich mit einer Lehrzeitverkürzung und sogar als Jahrgangsbester abschloss. Ich spielte mit dem Gedanken, das Fachabitur nachzuholen und informierte mich über zahlreiche Studiengänge.
Das Angebot, eine Facharbeiterstelle in einem großen Unternehmen, das Dieselmotoren weltweit vertreibt, anzunehmen, war eine richtungweisende Entscheidung.
Ich wurde in einer Abteilung eingestellt, in der riesige, hunderte Tonnen schwere Dieselmotoren einem Testlauf unterzogen und einjustiert werden. Eine enge Zusammenarbeit der Monteure und Maschinenbauingenieure ist dabei sehr wichtig und so wurde mir auch ein tiefer Einblick in dieses Berufsbild gewährt.
Wartungs- und Inbetriebnahmeeinsätze auf Schiffen und großen Dieselanlagen, die weltweit durchgeführt werden müssen, waren immer wieder aufs Neue eine positive Herausforderung, auch wenn Hitze, Lärm und Schmutz das Arbeiten erschwerten und der hohe Zeitdruck oftmals 90-Stunden-Wochen notwendig machte. Nach mehreren privaten Spanischkursen in Madrid und vielen Einsätzen in Ländern wie Spanien, Honduras oder der Dominikanischen Republik konnte ich mich problemlos mit den dortigen Mitarbeitern verständigen. Bei diesen Reisen wuchs mein Interesse an den Aufgaben und fremden Kulturen, was mich zusätzlich motivierte, mich auch weiterhin für die Firma einzusetzen.
Gerade im Ausland ist die Verantwortung, die ein Monteur tragen muss, besonders hoch, da er meist als einziger ausgebildeter Fachmann für das ungelernte Hilfspersonal mitentscheiden muss. Jede kleinste Fehlentscheidung, jede Unachtsamkeit kann für den Kunden und damit auch für die Firma enorme Schäden verursachen. Die Koordination und Leitung eines größeren Teams haben mir gezeigt, wie wichtig es im Berufsalltag ist, auf Menschen eingehen und Verantwortung übernehmen zu können. Ich war nun an dem Punkt angelangt, an dem mir klar wurde, dass ich mehr im Leben erreichen will und auch das Potenzial dazu habe.
Immer wieder spielte ich mit dem Gedanken, mich außerhalb der Firma weiterzubilden, Abitur zu machen, vielleicht sogar zu studieren. Nach vier Jahren entschied ich mich für eine Kündigung und eine berufliche Vollzeit-Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker für Maschinenbau am Rudolf-Diesel-Technikum in Augsburg und ebnete mir nach zwei Jahren durch das Erlangen der Fachhochschulreife den Weg zum Studium oder zu einer Karriere als Techniker.
Die vielen Prüfungen gingen mir oft nicht leicht von der Hand, auch, weil ich nebenbei für einen Teil meines Lebensunterhaltes sorgen musste. Die sehr guten Zensuren zeigten mir jedoch, dass es zu schaffen ist und genau der Ehrgeiz in mir steckte, den ich mir erhofft hatte. Die Frage, ob ich nun studieren oder eine interessante Stelle annehmen sollte, rückte immer näher. Ich stieß auf das Berufsbild des Wirtschaftsingenieurs, der sein Wissen über Technik, Wirtschaft und Sprachen mit Führungsfähigkeiten und Teamgeist vereinen und umfassend anwenden muss. Das war genau das Richtige für mich!
Seit Oktober 2008 studiere ich an der Hochschule München und bin dankbar, dass ich in dem Auswahlverfahren für ein Aufstiegsstipendium des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erfolgreich war und damit eine finanzielle Unterstützung für meine ganze Studienzeit erhalte.
Zurückblickend bin ich froh, dass ich genau diesen individuellen Weg gegangen bin und nicht aufgegeben habe. Ich setze weiter auf lebenslanges Lernen, auch über Stock und Stein!

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik