Heiko aus dem Odenwald
Bohrmeister und ehemaliger Auszubildender im Christlichen Jugenddorfwerk Nienburg
Odenwald, 04.12.2008
Früher hatte ich einen Sprachfehler. Ich stotterte und konnte mich in der Schule nicht richtig ausdrücken. Als ich in der vierten Klasse der Grundschule getestet wurde, lautete die Diagnose: Legasthenie. Von diesem Zeitpunkt an gab sich kein Lehrer mehr Mühe, meine Aufsätze oder Diktate zu kontrollieren. Auch in der Hauptschule nicht - die Lehrer schrieben unter die Diktate oder Aufsätze einfach die Note sechs. Wenn du dann als Schüler in einem anderen Fach auch schon schlechte Noten hast, heißt es sitzen bleiben. Das passierte mir zwei Mal und so verließ ich die Schule ohne (Hauptschul-)Abschluss.
In dieser Zeit war ich in einer Jugendgruppe der Evangelischen Kirche und leitete selbst eine Kindergruppe. Ich lernte dort einen Diakon kennen, der sich meines Problems annahm und alle Hebel in Bewegung setzte, mich im Christlichen Jugenddorfwerk unterzubringen, um dort meinen Abschluss machen zu können. So gelangte ich schließlich ins CJD Nienburg.
Ich wurde in allen Fächern getestet, auch in Deutsch. Der Deutschlehrer ließ uns ein Diktat schreiben, über zwei DIN-A4 Seiten lang, und einen Aufsatz, der mindestens eine bis zwei Seiten lang sein musste. Und was kam dabei raus? Der Schüler Heiko hatte gar nicht so viele Fehler gemacht. Was mein Lehrer damals zu mir sagte, werde ich nie in meinen Leben vergessen: "Wer hat dich denn als Legastheniker abgestempelt?" Er war entsetzt.
Von diesem Moment an packte mich der Mut, wieder an mich zu glauben, und ich hatte wieder Spaß am Lernen!
Das erste halbe Jahr in Deutsch lief zwar nicht so gut - aber das zweite war ein voller Erfolg! Wir, die Schüler, machten uns gegenseitig Mut und bekamen für abends einen Klassenraum gestellt. Jeder, der in einem Fach gut war, gab den anderen Schülern Nachhilfe - sogar meine Wenigkeit - und Sie werden es nicht glauben: in Deutsch! Alle meine Mitschüler und ich haben den Hauptschulabschluss bestanden!
Man muss an sich glauben, aber wenn einem der Glaube an sich selbst genommen wird, ist es schön, dass es Menschen gibt, die Spaß an ihrem Beruf haben und ihn auch verstehen - so wie mein Deutschlehrer damals.
Nach der Zeit im CJD bin ich nach Bremen gegangen und habe meine Ausbildung zum Tischler gemacht. Das ist mittlerweile dreißig Jahre her. Heute lebe ich im Odenwald und bin Bohrmeister für Sprenglöcher.
Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.