Durch Umwege zum Ziel

Ana Pliego

Auszubildende im Schreinerhandwerk in Mainz und Mentorin des Ada-Lovelace-Projekts

Mainz, 21.11.2008

Foto: Ana PliegoIm Alltag wird man ja oft gefragt: "Und was machst du so beruflich?" In meinem Fall sind die Menschen meist verwundert darüber, dass ich in meinem Alter "noch" bzw. "erst" eine Ausbildung mache. Diesen Leuten erzähle ich dann Folgendes:
Noch vor dem Realschulabschluss machten sich viele meiner Mitschüler Gedanken darüber, um welchen Ausbildungsplatz sie sich bewerben oder auf welche weiterführende Schule sie gehen wollten. So wie sich das nun mal gehört. Für diesen "Erwachsenenkram" fühlte ich mich aber noch ganz und gar nicht bereit und so entschied ich mich dafür, erstmal ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) zu machen. Ich fand eine tolle Stelle bei der Umwelt- und Energieberatung der Kreisverwaltung Mainz-Bingen. Dort lernte ich, eigenverantwortlich und selbständig zu arbeiten. Dadurch, dass wir Symposien, Vorträge oder Seminare zu verschiedenen Umweltthemen organisierten, an deren Planung und Durchführung ich maßgeblich beteiligt war, kam ich auf die Idee, eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau zu machen. Da dies damals aber ein sehr neuer und moderner Ausbildungsberuf war, bekam ich keinen Platz im Anschluss an das FÖJ. So landete ich zunächst in einer Art Warteschleife als Callcenter Agent im telefonischen Kundenservice eines Pay-TV-Anbieters. Während ich mich weiterhin bewarb, lernte ich hier in Schulungen als auch am Telefon den Umgang mit Kunden in den verschiedensten Situationen.

Nach einem knappen Jahr begann ich endlich die lang ersehnte Ausbildung in einer kleinen Künstleragentur. Mir gefiel die lockere, ungezwungene und familiäre Atmosphäre und schon sehr bald überließ man mir ein Projekt, das ich mehr oder weniger allein betreuen sollte. Zunächst war ich in meiner Unerfahrenheit sehr stolz darauf. Aber da meine Chefs selbst viel unterwegs und in andere Projekte eingebunden waren und ich somit bei Fragen oder Schwierigkeiten meist keinen Ansprechpartner hatte, war es irgendwann unausweichlich, dass ich das Projekt total in den Sand setzte. Nachdem meine Ausbilderin darüber sehr überrascht und schockiert schien, wurde mir klar, dass ich im Grunde nicht als Azubi, sondern als vollwertige, nur etwas billigere Mitarbeiterin eingestellt worden war. Nachdem das Ausbildungsverhältnis einvernehmlich gelöst wurde, begab ich mich auf die Suche nach einer Firma, in der ich die Ausbildung hätte fortsetzen können, merkte aber bald, dass ich bei seriöseren Firmen ohne Abitur und ohne Erfahrungen im Veranstaltungsbereich überhaupt keine Chancen hatte. So begann ich also, mit ein paar Freunden Partys zu veranstalten. Um mich über Wasser zu halten, ging ich zusätzlich in der Nachbarschaft putzen, jobbte stundenweise in einer anderen kleinen Agentur und begann schließlich zu kellnern. So kam mir die Idee, dass auch eine gastronomische Ausbildung ein Türöffner in die Veranstaltungsbranche sein könnte. Also schwenkte ich bei meinen Bewerbungen um auf Restaurantfachfrau und Köchin. Hier fand ich auch nach nicht allzu langer Suche einen Ausbildungsplatz in einem kleinen Latino-Restaurant, für den ich sogar einen Umzug auf mich nahm. Und aufgrund meiner mexikanisch-peruanischen Herkunft fühlte ich mich dort gleich sehr heimisch.

Allerdings dauerte es auch in diesem Betrieb nicht lange bis ich merkte, dass meine zahlreichen Überstunden mir nie in irgendeiner Form abgegolten wurden, ich nie einen Cent Trinkgeld behalten durfte, mit den zum Teil illegal in Deutschland lebenden Mitarbeitern wie Dreck umgegangen wurde und der Chef ständig auf Drogen war. Hin und wieder versuchte ich vorsichtig, den einen oder anderen Missstand anzusprechen, was dann im Endeffekt dazu führte, dass ich kurz vor Ende der Probezeit entlassen wurde.

Nun erst einmal arbeitslos vor mich hindümpelnd und in eine tiefe Sinnkrise verfallend, ging ich eine Zeit lang viel auf Partys anstatt sie selbst zu veranstalten. Nach einigen Monaten fing ich wieder - eher weniger motiviert und von Familie und Freunden gedrängt - an, mich in einem Restaurant zu verdingen. Allerdings ging auch das nicht lange gut und ich stand bald wieder ohne Job da.
Mittlerweile war ich 22 Jahre alt und hatte das Gefühl, für mich seien nun alle Züge abgefahren und der dauerhafte Bezug von Hartz IV sei mir sicher. Eine Freundin schenkte mir damals eine Karte mit dem etwas abgedroschenen, aber wohl aufmunternd gemeinten Spruch "Und wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her." Und sie sollte Recht behalten!

Zu dieser Zeit hatten meine Eltern gerade ein sehr verwohntes und rundum renovierungsbedürftiges Haus gekauft. Da sie beide berufstätig waren und somit nur an den Wochenenden Zeit hatten, daran zu arbeiten, aber sehr bald dort einziehen wollten und ich renovierungserfahren war, baten sie mich zu helfen. Zeit hatte ich ja genug, also verbrachte ich die nächsten Monate fast jede freie Minute auf der Baustelle, verputzte und strich Wände, verlegte Dielenböden, riss alte Deckenverkleidungen ab, legte den Garten neu an, entrümpelte Dachböden ...

Beim Entrümpeln kam eine zwar alte, jedoch noch voll funktionstüchtige Schreinerwerkstatt zum Vorschein, die wohl einem der Vorbesitzer gehört haben muss und bei vielen Arbeiten am Haus eine große Hilfe und Arbeitserleichterung darstellte.

Nachdem meine Hilfe am Bau nun zu einer Vollzeitbeschäftigung geworden war, kam mir der Gedanke, ein handwerklicher Beruf könnte etwas für mich sein. Durch die Schreinerarbeiten inspiriert, erkundigte ich mich beim Jobcenter nach einem 1-Euro-Job in einer Schreinerei. Ungewöhnlich schnell bekam ich eine Zusage und trat schon zum nächsten Monatsersten den Job an. Ich geriet an einen tollen Chef, von dem ich viele grundlegende Dinge der Holzbearbeitung lernte und der mir schließlich einen Praktikumsplatz in der Schreinerei der BFE Studio und Medien Systeme GmbH vermittelte, in der ich jetzt meine Ausbildung mache. Es ist zwar nicht immer ganz einfach, aber ich bin mit Freude dabei und kann auf jeden Fall sagen, dass alle vorangegangenen Versuche mich zwar in vielerlei Hinsicht geprägt haben und ich viel über Menschen gelernt habe, die Jobs aber nicht das waren, was ich machen wollte.

Gelernt habe ich auf meinem "Umweg" auch, dass es nicht immer der klassische Weg der Berufsfindung sein muss und dass man sich möglichst nicht den Vorstellungen und Erwartungen anderer fügen sollte. Auch wenn es länger dauert und schwieriger ist, es lohnt sich, vieles auszuprobieren, um das richtige zu finden!

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik