Spielend vom Beruf zur Berufung

Dr. Reiner Knizia

Spieleerfinder

Windsor, Großbritannien, 13.11.2008

Foto: Dr. Reiner KniziaSchon als Kind war ich ein begeisterter Besucher von Bibliotheken. Bis heute fasziniert mich die ruhige, konzentrierte Atmosphäre, mitten unter all den Büchern, in denen so viel Wissen steckt. Mich faszinierten weniger erfundene Geschichten - obwohl meine Spiele heute viele Geschichten erzählen - sondern vielmehr Fachbücher, die das breite Wissensspektrum der Gegenwart dokumentieren.

In der Schule habe ich neben viel Sport auch viel gelesen. Insbesondere in den letzten Gymnasialjahren wollte ich immer mehr wissen, als im Unterricht behandelt wurde. Aber so richtig ist der Knoten erst an der Universität geplatzt. Ich habe an der Universität Ulm und der Syracuse University, USA, zuerst Mathematik studiert und später dann auch gelehrt. Dort traf ich viele Menschen, die mit funkelnden Augen Begeisterung für ihr Fachgebiet versprühten. Und man hatte den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als zu studieren und zu forschen. Das war fantastisch!

Aber dann kam auch die Frage, was ich mit all dem Wissen mache, wie es sich anwenden lässt. So landete ich im Auslandsgeschäft einer großen Bank, wurde Gruppenleiter in der Softwareentwicklung, Direktor für strategische Unternehmensplanung und schließlich Vorstand eines großen Baufinanzierungsinstituts in Großbritannien: Zwei Milliarden Pfund Neugeschäft jedes Jahr waren kein Pappenstiel!

Bei diesen Aufgaben habe ich viele Erfahrungen gesammelt - über geschäftliche Prozesse und vor allem auch über die Menschen selbst und ihre Motivation zum Handeln. Immer wieder habe ich selbst erfahren: Wer für einen Lebensabschnitt einen guten Mentor findet, kann viele Irrwege vermeiden. Wer von seiner Tätigkeit überzeugt und begeistert ist, leistet die beste und erfolgreichste Arbeit. Konsequenterweise habe ich mich dann schließlich selbst dazu entschlossen, dem zu folgen, was immer schon mein Herz erfüllt hat: Gesellschaftsspiele. Vom Bankdirektor zum Spieleerfinder - das war ein ganz schöner Karrierewechsel! Aber ganz so radikal war es eigentlich gar nicht, denn schon seit meiner Kindheit war das Spieleerfinden mein Hobby, und als das Hobby immer erfolgreicher wurde, habe ich meine Berufung zum Beruf gemacht. Ich glaube, es ist für jeden Menschen eine große Herausforderung, seine wahre Berufung zu erkennen und dann den Mut aufzubringen, ihr auch zu folgen.

Spiele sind einfach faszinierend. Spiele sind ein Spiegel unserer Kultur und unserer Zeit. Sie öffnen die Tür zu anderen Menschen, gleich welchen Alters, gleich welcher Herkunft, im Spiel sind alle gleich und gleichberechtigt. Spielen verbindet! Im Spiel übernehmen wir neue Rollen und erleben fremde Welten. Wir dürfen uns ausleben, Dinge und soziale Aktivitäten ausprobieren, die uns der Alltag nicht bieten kann. Spielen hat auch viel mit Bildung zu tun. Miteinander spielen ist eine der wertvollsten Freizeitbeschäftigungen überhaupt. Schiller schrieb: "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."

Als Spieleerfinder hat man das Glück, vielen Leuten immer wieder viel Spielspaß bereiten zu können. Wenn die Leute begeistert spielen, ist das die schönste Belohnung, die man sich als Spieleerfinder wünschen kann. Weil die Spiele-Branche so international orientiert ist, habe ich über die Jahre viele neue Länder und Kulturen kennen gelernt, und das nicht als Tourist, sondern als Partner vieler Verlage und Spieleclubs. Dank der Spiele kann ich heute viele Menschen in vielen Ländern in allen Kontinenten unserer Erde meine Freunde nennen.
Wann haben Sie das letzte Mal gespielt?

Dr. Reiner Knizia ist weltweit einer der erfolgreichsten Spieleerfinder. Er hat in den vergangenen 20 Jahren über 500 Spiele in zahlreichen Ländern und Sprachen veröffentlicht. Seine Spiele haben viele internationale Preise gewonnen; in Deutschland unter anderen viermal den Deutschen Spielepreis, den Deutschen Kinderspielpreis, den Deutschen Lernspielpreis, das Spiel des Jahres und das Kinderspiel des Jahres.

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik