Wer im Leben eine Pyramide bauen will, muss ein breites Fundament anlegen

Niels Olaf Schröder

Illustrator aus Berlin

Berlin, 22.10.2008

Foto: Niels Olaf SchröderWenn man an einer Kunsthochschule studiert, muss man neben den gestalterischen Fächern gemäß der Studienordnung auch immer einige theoretische Kurse belegen. Dies sind meist Fächer wie Kunstgeschichte, Soziologie, aber auch rechts- und wirtschaftswissenschaftliche Kurse. Der Anteil der Theorie ist jedoch eher gering und hängt letztlich von der Eigeninitiative und dem Eigeninteresse des Studenten ab.

Viele Studenten an den künstlerischen Hochschulen besuchen als Gasthörer weiterführende Kurse an den Universitäten oder absolvieren ein Doppelstudium, um etwas für die eigene Bildung zu tun. Ich selbst betrieb neben meinem Studium der Visuellen Kommunikation (an den Staatlichen Kunsthochschulen Bremen, Hamburg und Berlin) ein begleitendes rechtswissenschaftliches Studium. Der Wechsel zwischen der nüchternen, akademischen Lehre einer Universität und der praktischen, angewandten und freien Lebenswelt einer Kunsthochschule tat mir immer gut. Das Anfertigen einer juristischen Klausur ist natürlich etwas völlig anderes als das Zeichnen - aber durch die intensive Beschäftigung mit inhaltlichen Fragestellungen verändert sich auch die künstlerische Arbeit. Ich genoss es jedenfalls, morgens in einer Vorlesung zum Bürgerlichen Recht zu sitzen, um dann abends an der Kunsthochschule eine Zeichnung oder eine Radierung anzufertigen. Man lernte auf diese Weise das wissenschaftliche Arbeiten und brachte diese Kenntnisse ein. Die Studenten, die von der Universität an die Kunsthochschule wechselten, fand ich daher oftmals interessant, denn sie brachten ihre Kenntnisse in ihre gestalterische Ausbildung ein und nutzten sie für ihre Theorieveranstaltungen.

Wer an einer Kunsthochschule studiert, sollte jedenfalls überlegen, wo er eine weitere Quelle für ein vertieftes inhaltliches Illustration von Nils Olaf Schröder - Schopenhauer onlineerschienen in "DIE ZEIT" Interesse auftun kann. Meist ist dies an den Universitäten gut möglich. Als Gasthörer besuchte ich an der Hamburger Universität z. B. ein historisches Seminar zur "Geschichte der Hanse", später an der Humboldt-Universität ein Proseminar über Hannibal. Im Zuge meines rechtswissenschaftlichen Studiums wählte ich als Wahlschwerpunkt "Römische Rechtsgeschichte". Gerade das Fach der Geschichte fand ich immer spannend, und da es im Fach Illustration ja auch um das Erfinden von Geschichten geht, zeigt dies, wie wichtig eine vertiefte inhaltliche Ebene werden kann.

Der Illustrator, der einen Text "illuminiert", muss ja auch zuerst selbst von den Kenntnissen dieses Textes "erleuchtet" worden sein. Das Fach der Geschichte und parallel dazu natürlich das der Kunstgeschichte bieten sich dafür besonders gut an. Aber für welches Fach sich der Student eines gestalterischen Studienganges entscheidet, ist im Grunde nebensächlich - solange es nur neben allem Zeichnen und Drucken auch einen inhaltlichen roten Faden gibt. Man könnte dies auch als sein persönliches Bildungsfundament bezeichnen. Und wie formulierte es einmal mein alter Zeichenlehrer an der Hochschule für Künste in Bremen? "Wer im Leben eine Pyramide bauen will, muss ein breites Fundament anlegen."

Illustration von Nils Olaf Schröder - Chancen Schuleerschienen in "DIE ZEIT" 

Wie wichtig die allgemeine Bildung auch im Bereich der künstlerischen Lehrtätigkeit ist, wurde mir auch während einer zweisemestrigen Vertretungsprofessur an der Hochschule für Kunst und Design in Halle klar. Denn es zeigte sich, dass mancher angehende Illustrator und Designer eine parallele theoretische Linie verfolgte: Ob es die Lektüre von Schopenhauer war oder historische Studien - man spürte  bei den Studenten ein Bedürfnis nach Bildung, das über das Angebot der Kunsthochschule hinaus ging. Wer nun also an einer Kunsthochschule lehrt, sollte diesen Studenten aber auch etwas zu sagen haben - so dass die Bildung für einen Lehrenden geradezu die Grundvoraussetzung sein sollte. Ohne Bildung geht es also im künstlerischen Bereich auch nicht. Übrigens ist eine gute Bildung auch später im Beruf eines Illustrators notwendig, um überhaupt das Thema, das z. B. ein Redakteur oder Autor vorgibt, zu erfassen und in ein Bild umsetzen zu können. In diesem Sinne hat Bildung auch eine sekundäre wirtschaftliche Bedeutung für einen zukünftigen Gestalter.

Illustration von Nils Olaf Schröder - Scienceerschienen in "DIE ZEIT"

Bildung ist also kein Selbstzweck, sondern ein Motor, der letztlich sogar über den beruflichen Erfolg mit entscheiden kann. Und wer an einer Kunsthochschule studiert, sollte sich überlegen, ob er sich nicht parallel in einem anderen Fach ausbildet oder sich etwa als Gaststudent an einer regulären Universität einschreibt. Die künstlerische Arbeit wird dadurch mit Sicherheit angereichert und die Persönlichkeit erweitert.

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