Martin Patzelt
Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder)
Frankfurt (Oder), 26.09.2008
Aufgewachsen in einem anregenden familiären Umfeld, in dem viele Fragen gestellt und Antworten gesucht wurden, das durch viele Verwandte und Gäste immer neue Eindrücke und Informationen anbot, aber durch kriegsbedingte Vertreibung und Kinderreichtum eher mit der Sorge um das Lebensnotwendigste beschäftigt war, konnten mir meine Eltern keine optimale Bildung finanzieren. Meine enorme Leselust befriedigte ich so z. B. durch die intensive Nutzung öffentlicher oder privater Bibliotheken.
Mein erstes Verhör durch die Polizei erfolgte im Alter von 14 Jahren, weil ich die längste Leserkartei der Pfarrbibliothek hatte, die unter anderem auch Bücher aus westdeutschen Verlagen verlieh und deshalb dann auch durch staatliche Macht konfisziert und geschlossen wurde. Im weitesten Sinne war das auch eine "Bildungserfahrung" - mit schlotternden Knien und stotternder Stimme, keiner Schuld bewusst, einer Staatsgewalt ausgeliefert zu sein, die sogar meine Mutter von dem Verhör ausschloss. Meine erste "Privatbibliothek" bestand übrigens zu einem großen Teil aus Büchern, die die städtische Bibliothek aussonderte und die ich mir bei Sammlungen von Altpapier regelmäßig aus dem Container holte.
Mein Abitur konnte ich durch eine damals neu angebotene Berufsausbildung mit Abitur erwerben, nachdem ich als Nichtmitglied staatlicher Jugendorganisationen und ohne Jugendweihe keine Zulassung zur Oberschule bekommen hatte. Meinen Abschluss als diplomierter Sozialarbeiter erhielt ich nach der politischen Wende durch die Gleichstellung meines Studienabschlusses mit staatlichen Bildungsabschlüssen der Bundesrepublik. Denn zwanzig Jahre verfügte ich, nach Entzug der Zulassung zum Medizinstudium wegen Verweigerung des Waffendienstes, nur über eine kirchlich anerkannte Ausbildung ohne staatliche Anerkennung.
Auch meine Fortbildung zum Dozenten für Pädagogik an kirchlichen Ausbildungsstätten konnte ich im staatlichen Raum erst nach der politischen Wende nutzen. Diesen Bildungsabschluss hatte ich über abenteuerlich organisierte Fernstudien über die Mauer-Grenze hinweg als Fortbildung westdeutscher Hochschulen (getragen durch den Deutschen Caritasverband) erworben. Das altersgemäße Ausscheiden von mehr und mehr Dozenten der "alten Schule", die noch als "Relikte" Westberliner Ausbildungsstätten vor dem Mauerbau tätig waren, brachte die Zukunft kirchlicher Ausbildungsstätten in der ehemaligen DDR in Gefahr, wollten diese doch nicht - insbesondere für sozialpädagogischen Disziplinen - auf Lehrkräfte zurückgreifen, die eine am marxistischen Menschenbild orientierte Prägung und Ausbildung hatten. Das besondere Anliegen gerade der Kirchen in der ehemaligen DDR war es ja, die Zielvorstellung einer sich selbst bestimmenden, emanzipierten Persönlichkeit im Sinne der abendländischen christlichen Tradition in Ausbildung und Praxis der Sozialarbeit sozusagen als Gegenentwurf zum Menschen als "Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse" auch hierzulande lebendig zu erhalten.
Äußere Bildungsbarrieren konnten mich nicht am Lernen hindern. Ich versuchte immer, mir Wege der Bildung zu erschließen (wenn es sein musste, auch durch heimliche Buchimporte aus Budapester Antiquariaten) und stets neugierig und lustvoll, wahrscheinlich auch produktiv mit Lernen und Wissen umzugehen. Der Wille, zu begreifen und nachzufragen, war und ist meine stärkste Lernmotivation. Die Mittel und Wege dazu wurden mir nicht in den Schoß gelegt. Vielleicht blieben mir dadurch auch Bildung und Bildungsinhalte etwas Besonderes, waren nie selbstverständlich und schon gar nicht eine Last. Die erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen verdichteten sich zu Fähigkeiten, die mich sehr jung und anhaltend in verantwortungsvolle Funktionen führten. Die dort gestellten Herausforderungen motivierten mich auch immer, "am Ball" zu bleiben, neue Erkenntnisse, Publikationen aufzuspüren, sie möglichst in berufliche Zusammenhänge einzubringen.
Meinen Eltern, älteren Geschwistern, Freunden der Familie und ersten Lehrern verdanke ich wohl, dass mir kein Übermaß an materiellem Streben und Karrieredenken die andauernde Freiheit und Lust am Fragen und Dazulernen vertreiben konnte, meiner eigenen Familie, meinen Arbeitskollegen und Partnern, dass ich mit diesen immer in einem kritischen, konstruktiven Dialog leben konnte und kann, der neue Einsichten sehr unterstützt. Meine unterschiedlichen beruflichen Tätigkeiten verlangen von mir, jeden Tag neu dazuzulernen, offen zu bleiben für Neues, vielleicht noch nicht so Gedachtes oder ganz anders Gedachtes. Bildung ist und bleibt für mich ein Abenteuer, ein sehr schönes dazu - wie das ganze Leben.
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