Der lange Weg zur Schrift

Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e. V.

Münster, 20.09.2008

Eintrag Buch der Bildungsrepublik in Münster: Peter HubertusMein Vater und meine Mutter hätten es gern gesehen, wenn ich den elterlichen KFZ-Betrieb übernommen hätte. Zunächst habe ich diesen Weg auch eingeschlagen: Nach der Mittleren Reife habe ich eine kaufmännische Ausbildung in einem Autohaus begonnen. Doch schon bald bemerkte ich: Das ist nicht meine Welt. Was ich stattdessen machen wollte, wusste ich allerdings noch nicht. Aber eins war klar: Mit dem Abitur hätte ich alle Möglichkeiten.

Deshalb habe ich mich neben der Lehre über einen Fernlehrgang und Kurse an der Volkshochschule auf das Abitur vorbereitet. Das war nicht ganz einfach. Doch zwei Jahre später führte ein Gymnasium in der Nachbarstadt einen Modellversuch durch und ermöglichte Realschulabsolventen ohne zweite Fremdsprache - wie mir - den Weg zum Abitur. Ich wurde angenommen und hatte nach drei Jahren alle Prüfungen bestanden.

Bildung und Bildungsabschlüsse habe ich damals als Chance zur persönlichen Entfaltung kennengelernt. Wahrscheinlich wollte ich deshalb auch Lehrer werden und dazu beitragen, dass andere Menschen ihre Bildungschancen wahrnehmen können.

Mein Referendariat habe ich an einem Gymnasium absolviert, das auf die Betreuung von Legasthenikern spezialisiert war. Offenbar fiel es manchen Kindern schwerer als anderen, lesen und schreiben zu lernen. In dieser Zeit las ich auch zum ersten Mal, dass es in Deutschland Menschen gibt, die trotz Erfüllung ihrer Schulpflicht kaum lesen und schreiben können. Das war in meinen Augen ungeheuerlich: Welche Gründe haben wohl eine Rolle gespielt? Wie kommt man ohne Schrift im Leben zurecht? Was kann man da noch machen? Was kann ich tun?

Mein Thema wurde die Alphabetisierungsarbeit. Insgesamt 22 Jahre habe ich Erwachsene in Lese- und Schreibkursen beim Lernen unterstützt. In dieser Zeit habe ich erfahren, wie sehr Bildungsbenachteiligungen Menschen prägen können. Ich habe erlebt, dass viele ihre Chancen nicht wahrnehmen können. Und ich habe beobachtet, wie der erfolgreiche Weg zur Schrift Menschen positiv verändert.

Deswegen gebe ich weiter, wie es gelingen kann, das Lernen zu fördern. Seit 1985 bilde ich Menschen aus, die in Alphabetisierungskursen unterrichten wollen.

Als Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e. V. setze ich mich dafür ein, die gesellschaftlichen und strukturellen Bedingungen zu verbessern, damit das Lesen und Schreiben im Erwachsenenalter gelingt.

Vor zwanzig Jahren war kaum bekannt, dass es vermutlich vier Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland gibt. Seit unserer TV-Kampagne - u. a. mit dem Spot über den Lagerarbeiter, der das Schild "Beladen verboten" nicht lesen konnte - ist das anders. Das ALFA-TELEFON, bei dem man anrufen kann, um sich über Lese- und Schreibkurse beraten zu lassen, wird gut genutzt. Ich selbst habe mit mehreren tausend Anrufern gesprochen und dabei immer wieder erfahren, wie schwer es ist, sich vor dem Hintergrund einer gescheiterten Lerngeschichte noch einmal auf den Weg zur Schrift zu machen. Aber diejenigen, die es tun, bauen ihre Ängste ab, werden selbstsicherer, lernen viel dazu und schaffen die Voraussetzung für weiteres Lernen.

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik