"Integration durch Qualifikation"

Nihat Sorgeç

Geschäftsführer der BildungsWerk in Kreuzberg GmbH, Vizepräsident der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer

Berlin, 05.09.2008

Eintrag ins Buch der Bildungsrepublik, Nihat Sorgeç, 2. von linksEigentlich wollte ich Pilot werden. Die Vorstellung von grenzenloser Freiheit hoch oben im Himmel nahm mich als Junge, geboren und aufgewachsen in dem kleinen türkischen Dorf Antakya, so gefangen, dass ich zunächst alles versuchte, um dieses Ziel zu erreichen. Mein Vater lebte zu dieser Zeit bereits in Deutschland. Seine Vorstellungen von meiner beruflichen Zukunft gingen in eine andere Richtung: Ich sollte in Deutschland studieren und Ingenieur werden. Also wurde nichts aus meiner Karriere als Pilot.

Stattdessen war ich mit 14 Jahren auf einmal ein Gastarbeiterkind in Berlin, das kein einziges Wort Deutsch sprach. Woche für Woche ging ich in die Stadtbibliothek in Berlin-Charlottenburg, um mir deutschsprachige Kinderbücher auszuleihen - erst die Bücher für sechs- bis achtjährige Kinder, dann die für acht- bis zehnjährige, schließlich die für zehn- bis zwölfjährige. Wenn mich jemand fragte, waren die Bücher selbstverständlich nicht für mich, sondern für meinen jüngeren Bruder. Doch auf diese Weise lernte ich deutsch. Und schließlich hatte ich es geschafft: Die deutsche Sprache ebnete mir den Weg zum Hauptschulabschluss und zu einem Ausbildungsplatz bei Siemens.

Der weitere Weg bis zu einem erfolgreich abgeschlossenen Maschinenbau-Studium war hart. Aber ich war ehrgeizig. Ich wollte immer besser werden, wollte mehr lernen und natürlich: Ich wollte in meiner neuen Heimat richtig ankommen und mich zugehörig fühlen.

Nach meiner ersten Karriere als Ingenieur wechselte ich 1988 in den Bildungsbereich und gründete schließlich 1997 die BildungsWerk Kreuzberg GmbH. Heute bilden wir in unseren Lehrgängen tagtäglich rund 950 Jugendliche und Erwachsene aus - mehr als 60 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Gerade diese Jugendlichen haben oft große Bildungslücken und ungenügende Kenntnisse der deutschen Sprache. Die eigene Familie kann meist nicht helfen - weder interkulturell noch finanziell. Kurz gesagt: Diese Jugendlichen geraten schnell in eine berufliche Sackgasse, unter der nicht zuletzt auch das Zugehörigkeitsgefühl, die Integration in Deutschland leidet. Ich will zusammen mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern diesen Jugendlichen die Chance geben, ein produktiver und anerkannter Teil der Gesellschaft zu werden.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, sich weiterzubilden, nicht den Mut zu verlieren und am Ende eine berufliche Perspektive zu haben. Nur Bildung ermöglicht Aufstieg und gesellschaftliche Teilhabe.

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik